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Die Rheinländer spinnen
Etwa in der Mitte des letzten Jahrhundert hat mich meine Mutter als Michael Josef Hesseler in Remagen am Rhein geboren (etymologisch nach dem keltischen Namen Rigomagos, ergibt sich aus rigo- von rigs = König und - magos = Feld/Ebene und bedeutet dann etwa “Königsfeld”). Anders als heute herrschte eine Kälte von minus 30 Grad Celsius. Das Holzbett und die Bettwache tauschte mein Vater, der damals 180 RM (ersetzt am 29. Juni 1948 durch die DM) im Monat verdiente (8,50 RM gingen in die Rentenkasse), gegen Zigaretten von Arbeitskollegen ein. Den Kinderwagen erwarb er gegen drei Zentner Kartoffeln. Den Stubenwagen mit Himmel erstand er gegen Zucker und Zigaretten. Diesen Stubenwagen beherbergte nach mir meine Schwester. Nachdem ihn um 1954 meine Eltern an einen Adenauer aus Bruchhausen auf der anderen Rheinseite verschenkt hatten, noch viele andere Kinder. Es war nicht der Adenauer, für den hinter Rhöndorf schon Sibirien begann. Die Geschichte meines Vaters habe ich in meinem Romanentwurf „Tod eines Autors der 68er“ mit verarbeitet. Er war eine Art braver Soldat Schwejk im total braunen Krieg gewesen und daher immer in Gefahr, wegen Befehlsverweigerung und, weil er von den verbotenen geistigen Spirituosen am Baum der Erkenntnis naschte, erschossen zu werden. Ja, wer hatte denn die Machtergreifung des ungelernten Obdachlosen A.H. demokratisch gewählt (siehe dazu u.a. DER SPIEGEL Nr.3/ 14.1.08, www.spiegel.de). Ein Komplott der konservativen Eliten gegen die Demokratie. Auch der Großvater durfte zwei Mal gegen seinen erklärten Willen im Graben liegen, in Verdun und am Westwall. Das Ergebnis: Er überlebte zufällig dank seines Einfallsreichtums und Überlebenswillens zwischen unzähligen Leichen junger Menschen. Verantwortlich für ihren sinnlosen Tod (es gibt keine sinnvolle höhere Sache zur Rechtfertigung von Töten) sind immer wieder die gleichen: Irgendwelche Kriegsauftraggeber ganz oben, die selbst geschützt im Trockenen sitzen und es sich dort meist sehr gut gehen lassen. Sie überleben meist, während die Kriegsauftragnehmer massenweise für nichts verrecken, Waisen und Witwen hinterlassen, verstümmelt und seelisch verkrüppelt überleben.
Heute wohne ich - nach berufsbedingten, daher überflüssigen Umzugsodysseen - in Bremen. Das Meer wird ja dort erst Ende des Jahrhunderts sein. Jetzt ist es noch schön, ruhig und friedlich: Sofern man keinem aus einer alten politischen Seilschaft begegnet oder Kohl-und-Pinkel-Saufgruppen (manchmal mit Kindern, die aus Schnapsgläsern erst einmal Saft trinken dürfen).
Ich stamme aus dem Rheinland, was nicht alles, aber doch vieles erklärt. Dort hatten es ja wohl auch die Nazis nicht leicht. Schon Heinrich Böll (www.heinrich-boell.de) hat darüber geschrieben, dass im Rheinland der große braune Führer mit Blumentöpfen beworfen wurde und der Gecke Göring schlecht ankam. Darüber hat die lange Zeit konservativer Restauration nach 1945 den Mantel des kollektiven Vergessens fast wohlwollend ausgebreitet und mancheinen in den Staatsdienst aufgenommen. Dort konnte man vielleicht seine eigenen Akten gut bearbeiten. Auch heute noch tun sich manche schwer mit dem überfällige NPD-Verbot, das auf der Hand liegt. Jetzt kommt aber der große Wandel auf uns zu. Erst beschönigt man, dann nehmen die Gewalttaten rechts und der Zulauf gewaltbereiter Jugendlicher überraschend zu und schon breitet sich ein Teppich des kollektiven Sich-Wunderns ganz oben aus und das große Wort vom ”Wir müssen jetzt endlich was tun” greift Raum. Das Muster der kollektiven Amnesie (wie auch immer von oben begünstigt und angeordnet) wirkte mit umgekehrtem Vorzeichen auch nach dem Ende der DDR, indem hohe Funktionäre nach oben erfolgreich abtauchen konnten. Und sind denn alle für die Verbrechen in der ehemaligen DDR Verantwortlichen dingfest gemacht und verurteilt worden? Gut ausgebildete ‘Funktionäre’ kommen immer gut unter; heute haben sie den Gang durch die Institutionen (fast unerkannt) erfolgreich durchlaufen. Man konnte und kann sie da und dort ungeschminkt kennen lernen. Manche von ihnen sind schnell zu Frühkapitalisten mutiert, die mit den Abzockern aus dem Westen gut zusammen gearbeitet haben. Wie gut kontrolliert flossen dazu öffentliche Gelder? Wer auch der Verführer und wer der Verführte gewesen ist, bitte die Akten nicht zu früh schließen! Um Missverständnissen vorzubeugen: Linker und rechter kollektiver Extremismus sind nach Thomas Mann zwei feindliche Brüder am gleichen Verbrechen der kollektiv organisierten Einschränkung und Beseitigung der Menschlichkeit und d.h. der individueller Freiheit als deren Grundlage.
Als Rheinländer leide ich seit frühester Jugend gern und oft an blühender Phantasie und Fabuliergeist (wahrscheinlich bilde ich mir das eben Gesagte auch nur ein). In den Klassenbüchern und Zeugnissen der Klassen 1 und 2 der Volksschule stand oft “Hesseler ist vorlaut.” Damals, als noch manche ehemaligen Nazilehrer ihr Regime führten, durfte noch nicht laut mitgedacht werden. (Heute vielleicht aus Karrieregründen - siehe den NC - auch nicht mehr). Ich war allerdings auch evangelisch und um mich herum alles schwarz, wenn auch ‘völkisch’-gemütlich. Wir Evangelen in der Diaspora hatten, so wertvoll waren wir für die Gesellschaft, sogar getrennten und vormittags/ nachmittags wechselnden Unterricht sowie einen eigenen Klo. Unsere Fäkalien strömten wohl einen markanten Eigengeruch aus, der sich massiv von denen der spirituell allein herrschenden Katholen unterschied. Meine Eltern lebten in einer ‘Mischehe’ (so hieß das Nazi-Unwort nach 1945 noch), die war des Teufels. Welche Scheinheiligkeit dahinter steckt, hat schon © Mark Twain in “Briefe von der Erde” mit Hilfe der Figur des auf die Erde verbannten Teufels verdeutlicht. © Böll hat in “Ansichten eines Clowns” m.E. die da und dort verbreitete Heuchelei auch gut getroffen. Heute hat der ‘Gott Markt’, auf dem sich eigennützige Individuen bekriegen (angeblich auch fürs Gemeinwohl) und der soziale Zusammenhalt verschwindet, den ‘Gott der Kirchen’ ersetzt. Ist das nicht schon lange so? Leider merkt selbst das lesende Volk, das schon durch Pisa gebildet ist, noch zu wenig davon. Immerhin kann es (ab) wählen, um in etwa das Gleiche zurückzubekommen.
Wenn man spinnt, muss man natürlich nicht gleich schreiben, aber es erleichtert (man könnte z.B. auch in die Politik gehen). Kann ein Autor es aber nicht lassen, muss er mit dieser Lebenseinstellung klar kommen: einer poröse Existenzform, einem kreativen und leidvollen Arbeitsprozess ohne wirkliches Ende. Schreiben fällt einem Autor nicht einfach zu, wenn ich mich richtig an eine Äußerung von Heinrich Böll erinnere. Andere haben wohl davon gesprochen, dass man die „Tonart“ der Figuren und ihrer Beziehungen treffen müsse, um auf den Punkt zu kommen. Auch das prägt das Schriftstellern als weitläufig schlecht vermittelbare Existenzform: das handkesche Ringen um und nach Worten oder ihre Erfindung, wenn das gesprochene Wort versagt.
Zu einer eigenen Veröffentlichung zu kommen, ist bei gut 90000 Neuerscheinungen pro Jahr ein schwieriges bis fast aussichtsloses Unterfangen. Ohne Unterstützung anderer geht nichts. Wovon kann man aber nicht ausgehen! In den 70/80er habe ich Heinrich Böll drei Mal geschrieben, um ihm meine Solidarität auszusprechen, und er hat drei Mal prompt geantwortet. Einbilden darf man sich darauf nichts, es hilft aber moralisch. Böll hat immer Zivilcourage gezeigt. Ja, wo kommen Autoren dagegen hin, wenn sie sich vom System ‘einkassieren’ lassen und zahnlos und lauwarm dem etablierten ‘Machtsystem’ zu Kreuze kriechen?
© Anne Smirescu (Folge 9, in: Am Erker, Zeitschrift für Literatur Nr. 54, Geschichten aus der Provinz, S. 164, www.am-erker.de) schreibt bekanntlich “Fieses” darüber. Folgendes sollte Schriftsteller aber immer motivieren: “Gute Autoren kommen viel leicht in den Himmel, böse aber kriegen eine Werkausgabe und werden noch in hundert Jahren gelesen.“
Regelmäßig beteilige ich mich mit Gedichten, Kurzgeschichten, Erzählungen und dramatischen Texten an Literaturwettbewerben, sofern sie Chancengleichheit gewähren. Mich freut die Auswahl meiner Gedichte aus bis zu 3000 Einsendungen in diesen Literaturwettbewerben und bestärkt mich, trotz des Autoren-Frustes weiter zu machen. Wer sich als Autor beteiligt, muss sich frei davon machen, dass die Auswahlergebnisse manchmal an die Vergabe von Noten für Deutschaufsätze erinnert oder manche glücklich ausgewählte Autoren für die Veröffentlichung jener Werke zahlen müssen, weil (noch) kein Verlagsvertrag besteht. Zweiklassenautorensystem!?
Ich wende mich nicht nur gezielt an seriöse Literaturmanager oder Verlage (beides habe ich fast aufgegeben), sondern auch an Literaturzeitschriften. Ich habe mich auch an Satirezeitschriften gewandt, seit mir das Werk von © Walter Mehring, z.B. „Die verlorene Bibliothek“ in die Hände gefallen ist. Dieses hätte schon in meinem Deutschunterricht Pflichtlektüre sein müssen. War das überhaupt nach 1945 möglich, als viele Lehrkräfte - selbst manche invaliden - einer politischen Amnesie verfallen waren (ich habe meinen Deutsch-Abi-Aufsatz von 1969 jetzt erhalten und weiß wovon ich rede)? War die Gruppe 47 immer Vorbild? Pardon gab sehr gute Tipps für Schriftsteller, die Satire, die in einer Demokratie eine legitime opposionelle Systemkritik sein muss, schreiben wollen (leider historisches Relikt: www.pardon-magazin.de; jetzt: www.darvins-illustrierte.de). Haben Satire-Schreibende heute in deutschen Landen nur eine Chance, echte und - im Vergleich zur laufenden politischen Realsatire - konkurrenzfähige Satire unterzubringen, wenn es hier im Gegensatz zur Meinung mancher Verleger von Satire schon so schlimm geworden sein wird, wie ich glaube, dass es jetzt schon ist? Vier Beiträge haben ich aber im Satireforum bei www.abraxas-magazin.de veröffentlicht (unter Autorentexte).
Wie gesagt, jeder Autor benötigt Unterstützung, sei es von Literaturkreisen/-szenen (in denen es immer auch menschelt) oder Gleichgesinnten, guten und unkonventionellen Anregungen. In etwa orientiere ich mich dabei an folgendem Erfahrungsgrundsatz: „Freunde sind wie Laternen am Weg. Sie machen ihn zwar nicht kürzer, aber heller: und zwar in allen Himmelsrichtungen.“ Nur, wo finden in der Autorenschaft um zu!
Wenige können Vitamin B nutzen, ein zweischneidiges Schwert. Caligula konnte ja schon im alten Rom ein Pferd zum Konsul machen. So bringen heute einflussreiche Politiker ihre Günstlinge unter. Vitamin B darf Schriftstellern nicht vor der Qualität weiterhelfen, wenn man diese zweifelsfrei objektiv beurteilen könnte. Mir ist ein Fall bekannt, bei dem es ein Debütant wohl mit Hilfe guter Kontakte zu einem Verlag und unter Vorlage eines wohl erst einmal nicht für das Buch vorgesehenen Kapitels sogar schaffte, einen Honorarvorschuss auszuhandeln. Dem Autor sei es gegönnt, sein Werk lief sehr gut, die Qualität stimmte! Von solchen Chancen kann ein ‚normaler Autor’ nur träumen. Und erreicht immer nur Qualität den Markt?
Einfallsreichtum könnte vielleicht auch helfen. Man denke an einen Bewerber, der seinen Unterlagen ein paar Pantoffeln mit den Worten beilegte: Da werden Sie aus den Latschen kippen. Dieser Bewerber konnte erfolgreich grundlegende sozialpsychologische Kenntnisse nutzen und bekam die Stelle. Solche Mittel oder Gewerkschaftszugehörigkeit und Parteibuch (dazu fällt mir Einiges ein!), sind Autoren nicht als Einstiegsmittel zu wünschen. Literaturveröffentlichungen sind ohnehin viel sperriger. Manchmal hilft es, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, mit dem richtigen Thema und der richtigen Präsentation aufzuwarten. Müssen also Schriftsteller ihr Ohr immer am Puls der Zeit haben oder ist es doch besser, Ohrstöpsel zu tragen? Oder gilt das, was © Dylan Thomas sehr optimistisch über Gedichte gesagt hat, für jede Art von Literatur: ”Ein gutes Gedicht ist ein Beitrag zur Wirklichkeit. Die Welt ist nicht mehr, was sie war, wenn man sie mal um ein gutes Gedicht vermehrt hat.” Das ist erst einmal abhängig davon, ob z.B. Gedichte verstanden werden. Der mutige © Matthias Kröner spricht mir aus dem Herzen: “Inzwischen wird nur noch ausgezeichnet, was den nachvollziehbaren Lesemustern zuwider läuft. Das macht viele der mit hohen Preisen bedachten Gedichte leider auch unverbindlich, beliebig; niemand würde es merken, würden bestimmte Worte oder gar ganze Verse durch anderes Wortmaterial ersetzt“ (in “Am Erker”, Nr. 55, S. 186, www.am-erker.de). Wer wundert sich dann darüber, dass Lyrik nicht verkaufbar ist! Vielleicht kommt derjenige besser weg, der Realgedichte schreibt.
Manche Veröffentlichungen können sich darauf beschränken, der Mainstream-Literatur zu folgen, also unterhaltsam zu sein. Unterhaltungsliteratur zu schreiben, kann große Kunst sein, ist nichts Verwerfliches. Sie hat allerdings unterschiedliche (Un-) Tiefengrade. Einer kann folgender sein: ’Auch Emanzipierte, die es sich selbst wert sind und die mal etwas von anderen über die 68er gehört oder sich angelesen haben, können beim V..... fröhlich werden.’ Aus megalomanem Eigenmarketing muss vulgäres Gassendeutsch wohl sein! Meinen diese Schreiberlinge, damit der erahnten Mentalität der 68er gerechter werden zu können? Wohl genau so wenig verstanden wie manche Konservative-Liberale, die wohl auf einem anderen Stern gelebt haben, oder manche sensationsbewussten Journalisten. Aber auch manche Linke liegen daneben. Die 68er waren weit weniger politisch als eine Art friedlicher Kulturrevolution. Sie begehrte u.a. gegen die alten Pflicht- und Akzeptanzwerte wie Gehorsam, Disziplin, Ordnung und Fleiß um jeden Preis auf (siehe dazu z.B. meinen Beitrag in “Die indische Braut”). Die Schulleitung drohte noch 1966, uns von der Schule zu entfernen, weil wir uns einen Schnäuzer haben wachsen lassen.Damals war man erst mit 21 volljährig. Ja, es gab viele kleine und große Steine (in der Summe Felsbrocken und Berge) für die heutige Generation weg zu räumen.
Erfolgreich Veröffentlichen hängt auch von Szenen und Gruppen, Interessen und Machtspielchen ab. Viel Glück also und die folgende modellhafte Aussicht für Querdenker und Querschreiber, die nicht nur grüne Eichenblätter ästhetisierend-zahnlos und mit allgemeinmenschlich-unverbindlichem Herzblut in Verse zwängen wollen: “Warum starb Walter Mehring, dieser geistvollste unter den Sängern einer sterbenden Republik, diese apokalyptische Spitzmaus mit den spitzen unerbittlichen Zähnen, beinahe anonym in einem Züricher Altersheim?” (www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=10407&mid=1364, Special zu Hans Sahl).
Da hatte er schon längst aufgegeben, so wie in seinem Ketzerbrevier zu schreiben (© Walter Mehring, Chronik de Lustbarkeiten I. Die Gedichte, Lieder und Chansons 1918 - 1933, F. a. M./Wien 1983, S. 113 ff.). “Der schwerere Fall, der Refrain, zeigt bereits schon paranoide Formen. Man denke sich in guter Gesellschaft einen besseren Herren, der nach jedem fünften Satz wiederholt: Fahr mit der Bimmelbahn nach Rügenwalde, Und wie im Himmel dann fühlst Du Dich balde! Schon steht der Sanitätswagen vor der Tür, und der Irrsinn wäscht wiedermal seinen Schafspelz in Unschuld! Denn der Respekt vor dem Übersinnlichen geht flöten, nachdem die seelischen Bedürfnisanstalten jedem zugänglich gemacht wurden und die Hüllen der magischen Empfängnis gefallen sind! Meine Herren und Damen! Ihr Verhalten zu den schönen Künsten (vor allem zur Kabarettkunst) ist ein schmutziges! Reinigen Sie es!” (ebenda, S. 114)
Auch schon Pflichtlektüre im Deutschunterricht der Sekundarstufe II? Nein, weil für die Pisa-Qualifizierung vor allem die in der Wirtschaft verwertbaren naturwissenschaftlichen, mathematischen und informationstechnischen Qualifikationen relevant sind: Kritische Reflexion, Allgemeinwohldenken, Zivilcourage, politisches Bewusstsein, moralische Urteilsfähigkeit, Mitmenschlichkeit, prosoziale Kompetenz und Teamfähigkeit, letztlich also demokratische, sich nicht in Eigennutztraining erschöpfende Bildung stören eher den materiellen Wertwahn. Seltsamer Weise ist Wirtschaft kein Unterrichtsfach, obwohl schon Vierjährige ab erster Taschengeldzahlung mit Geld umgehen lernen müssen und sich die Eltern ständig deswegen vor ihren Kindern streiten. Was würde man Schülern dabei nicht beibringen? Dass es in der Wirtschaft morallos zugehen kann, so lange alles im legalen Rahmen abläuft? Nach Kant muss sich ja das Recht mit legalem Verhalten begnügen.
Immerhin waren bzw. sind an der Finanzkrise auch gut ausgebildete Elitemanager beteiligt (siehe “Leerverkäufe”, “Wurstfabrik” oder “Bistrosystem”). Hat Herr van der Buerse aus Brügge im 13. Jahrhundert geahnt, was sich heute auf seinem Parkett Börse abspielt? Was Führungsethiken über das Verhältnis von Maß und Macht schreiben, ist dagegen unverbindlicher Mumpitz, weil die Mächtigen jene aufstellen. Daher ist Systemkritik sogar moralische Pflicht, um die Demokratie zu retten und weiter zu bringen, die wohl vor dem ein oder anderen Werkstor immer noch zu enden droht. Die Absicht ist gut, doch ändern tut sich nichts. Blinder Aktionismus von Regierungen dient wohl nur der Volksberuhigung, allgemeine Appelle von Staatoberhäuptern bewirken bei den egomanen und egoistischen Wirtschaftverantwortlichen keine Umkehr. Die vielen Frösche zahlen weiter die Zeche für die wenigen Störche. Ihre materielle Gier, die auch die aktuellen Steuergelder gern nimmt, sitzt zu tief im Fleisch. Ein unheilbarer Virus, dem wohl alle wie Lemminge in den Abgrund folgen! Oder doch nicht? Was soll’s! Das Meer kommt bestimmt.
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