Ideologie 5

Pathologischer Rationalismus

In seinem Buch “Ideologie und Schizophrenie. Formen der Entfremdung” (Frf. a. M. 1967, La fausse conscience - Essai sur la réification, Paris 1962) kommt  © Joseph Gabel zum folgenschweren Ergebnis, dass die Wirklichkeitserfassung durch einen pathologischen Rationalismus gekennzeichnet ist: “In der Tat ist das Vorherrschen des veräumlichenden und verdinglichenden Aspekts der Wirklichkeitserfassung - auf Kosten eines temporalisierend-historischen Aspekts - der gemeinsame Nenner der verschiedenen Formen ökonomischer und politischer Entfremdung, inbegriffen die absichtliche Mystifizierung” (ebenda, S. 330). Die individuellen Weltsicht in der Schizophrenie (Ideologie im kleinen) und der kollektiven Weltsicht in der Ideologie (‘Schizophrenie’ des kollektiven Bewusstseins) weisen wohl eine strukturelle Ähnlichkeit auf. Als Kommunikationsmuster könnte sich daraus für die politische Sprache ergeben: ‘Ich/Wir habe (n) recht, weil Du/Ihr unrecht hast/habt.’ Politiker kennen das gut!

Vernunft und/oder Wahnsinn? Das explosive Mischungsverhältnis kann übel enden, wenn man an das nationalistische Wahndenken, den Stalinismus oder rassistische Diskriminierungen denkt. Also besser Vernunft gegen den Wahnsinn! Was ist aber Vernunft? Für den normalen Alltag reicht es manchmal aus zu erkennen (nach © Adorno in den “Minima Moralia”): "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Das kann in einer Demokratie, wenn nicht alte Ideologen den Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital als alleiniges Erklärungsmuster bemühen oder Wert-Konservative-Liberale dem Sich-Abfinden fröhnen, durchaus zu echten Reformen oder sogar radikalen (= gewaltfreien) Verbesserungen motivieren: Denn funktioniert eine Gesellschaft im Interesse der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und der Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen, ist einzelnen Menschen ein richtiges, gutes und gelungenes Leben möglich. Solange etwas im sozialen Leben grundsätzlich falsch läuft, können auch einzelne nicht richtig leben. Das ist die aktuelle Situation in Deutschland, wenn man die auseinander driftende Schere zwischen Arm und Reich nicht beschönigt.

Doch auch manche Schriftsteller gehen der (pathologischen?) rationalen = vernünftigen Kultur der ordnenden Sachlichkeit auf den Leim. Das Denken nach vermeintlich      faktischen und wertneutralen Sachzwängen - z.B. der Globalisierung - gehört dazu. Es bildet auch das Rückgrat des common sense im Management. Dann fällt es auch leichter, von Systemen zu reden. Das hat den Vorteil, dass keiner moralisch verantwortlich ist für die Folgen und die Machtbeziehungen aus dem Blick geraten. Davon lebt die Managementlehre und davon wieder die Manager. Ein System hat keine Moral, auch der Mensch an sich lebt nirgendwo, wenn auch mit der ungeregelten Globalisierung eine Art Nihilismus im Sinne der Abwesenheit von Moral und Ethik zu blühen scheint.

Eine erweiterte Perspektive entsteht, wenn man beim Thema Globalisierung mehr die organisiert zusammen lebenden und arbeitenden Menschen betrachtet und erkennt, dass eine kleine Gruppe von ihnen ungerechtfertigterweise (wenn auch legalisiert)   besser und nicht unbedingt durchgängig zum Wohl der Allgemeinheit handelt und lebt. Die Macht-Sichtweise stammt u.a. vom Menschenwissenschaftler Norbert Elias (z.B. http://www.historicum.net/themen/klassiker-der-geschichtswissenschaft/ 19-jahrhundert/art/Elias_Norbert/ html/artikel/2239/ca/d6ec794085/).

Anfang der 80er Jahre hatte ich das Glück, ihn (vereinnahmt von deutschen Soziologen auf deutschen Soziologentagen, denen selbst wenig einfiel) privat bei einem gemeinsamen  Blaubeerpfannkuchenessen kennen zu lernen. Für ihn sind Machtbalancen nichts Schlimmes, sondern zentraler Bestandteil sozialer Figurationen: Auch und gerade in einer Demokratie. Auch in Künstlerkreisen blüht ja Macht, wenn sie auch als nicht-anwesend verklärt wird. Auf das Denkmodell kann man wohl kommen, wenn man es nicht nötig hat, nur fachliche, noch dazu unverständliche wissenschaftliche Duftnoten zu verbreiten. 

Elias ruhte einfach weise in sich, hatte seine Mitte gefunden. Er strahlte eine    Intensität aus, dass es einem die Sprache verschlagen konnte. Einfach ein Mensch, ein vielleicht typisch jüdischer Wissenschaftler, der den Nazis glücklicher Weise entkommen konnte. Bereitwillig und in der Bescheidenheit, die ihm neben dem analytischen Verstand eigen war, gab er Tipps zum Schreiben wie z.B. mit dem zu beginnen, was man selbst meint, anstatt zunächst fünf Seiten darüber zu schreiben, warum man über etwas nicht schreiben wird. Also Fußnoten besser weglassen.

Außerdem erzählte Elias mir, dass ihn um 1920 (!!!) die Frau von Max Weber in ihren Salon zum Kaffee eingeladen hatte. Man stelle sich das vor: 1920. Es muss kurz vor dem Tode Max Webers gewesen sein.

Deutungsversuche, ob theoretisch untermauert oder nicht, bergen die Gefahr in sich, zur Ideologie zu werden (s.o.). Kommen wir also zur praktischen Seite. Auch in einer Demokratie verschwinden Macht und damit ihre jeweiligen Wirkungen nicht. Nach      © Karl Lauterbachs Buch “Der Zweiklassenstaat” (www.karllauterbach.de) z.B., das ich hier natürlich frei interpretiere, existieren keine gleichen Bildungschancen. So ist gewährleistet, dass nur wenige Begabte aus der zweiten  Klasse aufsteigen können. Im Vergleich dazu werden die Unbegabten aus der ersten Klasse von ihren besser verdienenden Angehörigen und mit Hilfe von Geld und Vitamin B durchgezogen. Die Mitglieder dieser Klasse verdienen im Vergleich zu denen aus der zweiten Klasse mehr und leben länger, weil sie besser krankenversichert sind, sich besser ernähren können und mit einer höheren Rente/Pension rechnen können. Darüber finden sich in Lauterbachs Werk eine Unzahl von (nur für politisch Blinde wirklich überraschenden) Belegen.

Im Durchschnitt sterben allerdings die Angehörigen der zweiten Klasse früher, so dass ein Teil ihrer Renteneinzahlungen für die Katz’ sind. Immerhin haben sie wohl die teure Infrastruktur der Krankenhäuser für die Privatpatienten mit bezahlt, die diese       Infrastruktur problemloser ambulant nutzen können. Jene leisten dafür keinen Solidarbeitrag für die gesetzlichen Kassen. Und aus den Steuern der Nicht-Privilegierten werden die Pensionen der Beamten mit bezahlt, die im Durchschnitt wohl nach relativ kurzer Anlaufzeit (vielleicht 4 Jahre im Vergleich zu 40 Jahren) ca. 1000,- € mehr an Pension als Rentner an Rente haben und am längsten leben. Wegen fehlender Überarbeitung? Nicht jeder zeigt sich, wie hier ein Beamter in Bremen, selbst an, weil er nichts zu tun hat.

Aktuelle Untersuchungen bestätigen das. Pisa - wenn auch einseitig auf Wirtschaft,   d.h. politisches Denken ausschaltend fixiert - bestätigt das auch. Es bleibt aber angesichts der angestrebten Akademisierung die Frage: Wer erledigt in Zukunft all die vielen anderen Arbeiten (Nicht-Automatisierung vorausgesetzt), für die man kein Abi braucht?

Und wo bleibt die erforderliche Versorgung der Bürger mit Grundinformationen! Oder feiern die neutral berichtenden Journalisten zu viele Parties gemeinsam mit den Politikern, um sich auch ‘mal gern kostenlos hofieren zu lassen? Auch sonntägliche Laber-Clubs (vielleicht war/ist der Internationale Frühschoppen noch anders), in den neuerdings zudem ja auch Nicht-Journalisten wohl angesichts fehlender kompetenter “Masse” eingeladen werden, leisten sich das auch immer seltener. Sonst würden sie nämlich dem Zuschauer erklären, das die Demokratie die politische Form der bürgerlichen Gesellschaft ist und daher alle demokratisch gewählten Parteien bürgerliche sind, also nicht nur die, die sich selbstgefällig in der so genannten Mitte einordnen. Dann könnten nämlich die Zuschauer erkennen, dass links (wenn das Wort in einer Demokratie überhaupt gerechtfertigt ist) nicht “DieLinke” ist, wie dies die Linksdeutungen v.a. der sich selbst zur Mitte ernannten konservativ-liberalen Parteien (von denen die eine Partei rechts ist und die andere rechte Mitte) und der ihnen nahe stehenden Medien gern hätten, sondern eine demokratische Grundhaltung: z.B., ohne herumzueiern, seine Meinung zu äußern und sich dabei wieder ohne Angst zum aufrechten Gang zu bekennen.

Nur als kleiner Trost kann gelten, dass jeder (und jede, die aber später) am Ende    seines/ihres Lebens so bloß geht, wie er/sie gekommen ist. Er/sie darf noch nicht einmal sein/ihr Auto, mit ‘rüber nehmen. Jede(r) ist dann höchstens noch so viel wert, wie Sand vom Gewicht her in seine/ihre Kiste passt. - In der Bibel (v.a. im NT) steht, dass es die Reichen schwer haben, durch’s Nadelöhr zu kommen (Matthäus 19 - 24) oder ihnen Schlimmeres blüht (Jakobus-Brief 2 u. 5). Wann merken wir endlich etwas davon (siehe Bankenkrise)! Die machen weiter so wie bisher, nur orientiert am Kunden (was kommt nach dem AD-Kunden?), und das Geld taucht wundersame Weise wieder in Form von Gewinnen auf. Nur die Realwirtschaft, also da, wo noch gearbeitet und nicht spekuliert wird, leidet noch. Sie erhalten ja auch zu wenig Kredite zum Investieren. Das sind ja auch keine Produkte, an denen man viel verdienen kann. Und zu viel Risiko, auch für den kleinen Bankangestellten.