Lauwarme 4

Der moderne Untertan?

‘Untertanen’ (in welchem modernen Gewand diese lauwarmen Menschen ohne Zivilcourage auch immer auftreten) haben sich oft selbst aufgegeben und schwimmen als Lauwarme mit oder glauben, sie könnten zu den Störchen aufsteigen. Die privilegierte Machtelite hat wohl diese Bürger lieber als die mit einer konsequenten demokratischen Gesinnung oder der Tugend “Zivilcourage.” Wie könnte dieser neue Untertanentypus (vielleicht in Umdrehung von Albert Schweitzers ‘Bekenntnis zum Leben’) schriftstellerisch aussehen:

Mehr Bruchpilot

Der Bruchpilot ist zwanghaft zufrieden, Mittelmaß zu sein.

Er hat die Pflicht, im Rahmen zu bleiben.

Er wünscht keine Risiken, nur Sicherheiten.

Er ist gern ein von oben versorgter Bürger, als Art Null dirigiert.

Der Staat ist es, der für ihn sorgt.

Er muss sich nicht nach etwas Neuem sehnen,

nach Ungeplantheit und eigenem Erfolg.

Gebt ihr ihm ein Trinkgeld, nimmt er es dankbar und devotisch an.

Er will keine Schwierigkeiten im Leben meistern,

nur ein gesichertes Dasein am Randes des Existenzminimums führen.

Er braucht keinen Impetus aus eigenem Tun,

ihm reicht die dumpfe Kultur des Nicht-Begehrens.

Er gibt sogar seine Freiheit auf für wohlfeile Zuwendungen.

Was schert ihn seine Menschenwürde dagegen.

Er will nicht selbstständig denken und handeln.

Er wendet sich ab von der Welt, dem Schlechten und dem Guten,

ohne zu bekennen und dafür zu kämpfen, dass sie auch ist und wird sein Werk

Wäre ein Höhenflieger das Gegenteil von all dem,

wenn das System, die Szene, der Verlag, der Lektor ihn ließe?

Ausnahmen gibt es immer wieder neue.

Seltener für den bedächtigen Schreiberling,

häufiger für den geschäftigen Auftragsschreiber.”

(© Michael Hesseler, “Selbstaufgabe”, aus: Manuskript „Wie panierte Gräten“, Bremen 2003).

Politische Literatur, der politische Witz, politische Satire (gibt es die noch?), das politische Kabarett dürfen in einer Demokratie eigentlich die jeweilige Obrigkeit auf das ihnen gebührende menschliches Maß reduzieren. Neuerdings erhalten die ‘Mächtigen’ allerdings in der Sache “Denken abstellen” bzw. auf “Dauer-Ja umstellen” Schützenhilfe von der politisch harmlosen Comedy, die das politische Kabarett leider mehr und mehr mit seinem Comedian-Virus infiziert und politisches Bewusstsein in quotenträchtigen Unterhaltungsmüll verwandelt. Mal sehen, was im Scheibenwischer passiert! Der soll ja jetzt mit Comedians aufgemotzt werden, die sogar politisch sein müssen. Es war einmal die Qualität politischen Kabaretts, dass es gefürchtet war. Das war in Deutschland zuletzt 1934 der Fall. Man denke z.B. an Werner Fink. Das falsche, d.h. wahre Wort konnte das Leben kosten. So weit ist es noch nicht, auch wenn wohl manche Innenminister daran arbeiten. Ich glaube, wenn man einseitig die ein oder andere Partei vertritt, kann das mit dem politischen Kabarett nichts werden.

Will das arbeitende oder nicht-arbeitende Volk denn wirklich nichts Anderes als big brother, Chatten, soziale Netzwerken via blogs (zur öffentlichen Ausbreitung des individuellen Intimlebens), social software für das Web 2.0, Blöd-Zeitungen, Werbeinfos über Autos und Hautcrème, Fußballbundesliga oder Olympiade, Gesundheits- oder Kochsendungen, nicht-intellektuelle Talk-Shows, Sendungen mit verteilten Rollen, nach denen sich alle anschreien, Animierunterhaltung zur Kompensation eigenen Nicht-Mehr-Erleben-Könnens, Pornos und Action-Filme sowie gereinigte Nachrichten und Wetterkarte? Also modernes Panes et Circences?

Nicht-überfordernde Identitätsbildung unten nach dem Muster “Geld stinkt nicht” (selbst unheilige Mittel heiligen diesen Zweck)! In den privaten Medien geht es daher v.a. darum, Inhalte so geschickt auszuwählen, dass sie sich als Transportmittel für  Werbung eignen. Den politisch Dummen gehört das Himmelreich oder Pisa sei es getrommelt! Entweder Verkaufen und Wachstum oder Bildung, beides gleichzeitig geht nicht, weil gebildet Durchblickende möglicherweise weniger kaufen und/oder das Richtige. Keiner muss sich freiwillig mit Pestiziden in Lebensmitteln vergiften lassen. Wieder so ein Fremdwort.

An welcher Mentalität politische Bildung scheitern kann, hat schon © Ödön von Horváth 1938 in “Ein Kind unserer Zeit” gezeigt, das bezeichnenderweise nur in Frankreich 2003 verfilmt wurde. © Walter Mehring schreibt in “Die verlorene Bibliothek...” darüber (1980, S. 308): ”Ein Soldat beschließt (sein Soldatenleben, M.H.) damit, dass er als Bettler in Uniform auf einer Bank erfriert und treu übers Grab hinaus Kadervergehorsam und total verbiestert über seinen Tod Meldung erstattet...” Der Satz des Soldaten “Denken bringt auf blöde Gedanken“ ist wohl immer noch politisches Programm von Parteien, Regierungen, Ressorts, Arbeitgebern, Unternehmens- und Führungskulturen.

So schlimm ist es aber in unserer Demokratie gar nicht. Wie sagt doch                 © Lauterbach in seinem Buch “Der Zweiklassenstaat...” deutlich: “Natürlich können die Reichen nichts dafür, dass die Armen so früh sterben” (S. 132). Nur in einer Diktatur wird der unbefugte Besitz von Persönlichkeit unter Strafe gestellt oder müssen eigene Ideen und Hintergedanken notariell beglaubigt werden. Nur in Diktaturen wird die Freiheit heraus geohrfeigt. In denen geht es nämlich so zu: “Wenn jemand denkt und darf seine Gedanken nicht mehr anderen mitteilen”, spricht Panizzas Teufel im “Liebeskonzil”, “das ist die gräßlichste aller Foltern” (© Walter Mehring, Die verlorene Bibliothek, Autobiographie einer Kultur, Frf. a. M. u.a., 1980, S. 77).

Reine Literatur ist folgende Geschichte von © Jack London, der nicht nur in “König Alkohol” darüber schreibt, wie viele Alkoholiker wir wirklich haben (einschließlich den Workoholikern in den Chefetagen). Er segelte auch mit eigenem Schiff durch die Südsee und zeigte, wie auf manchen Südseeinseln die Menschen ihre Störche bestrafen, die jenen (Fröschen) Chancen wie Kokosnüsse stahlen. Diese Störche wurden z.B. so lange mit toten Schweinen beworfen, bis sie einen solchen Gestank an sich hatten, dass alle anständigen Menschen sie mieden. Können wir dieses Verfahren nicht auf die für die Finanzkrise namentlich (!!!) Verantwortlichen anwenden! Es ist schon seltsam, dass die Gefälligkeitsjournalisten (von Politikern gar nicht zu reden) das verwerfliche Handeln, das vor allem materieller Gier geschuldet ist, nicht einhellig als unmoralisch, sondern weiterhin Sachzwang-Mythen wie den der Globalisierung oder des Kompetenzmangels bemühen. Für das Volk ist ja wegen der so genannten Generationengerechtigkeit kein Geld da, sind die öffentlichen Kassen leer, weswegen wir auch z.B. bei der Bildung nicht voran kommen. Aber jetzt: “Wie ein Füllhorn schüttet der Staat Milliarden über jene aus, die jedes Maß verloren haben”                     (© Frank Bsirske, Vorstandsvorsitzende Verdi, in: PUBLIK, November 2009, S. 3). Offensichtlich hilft nur Humor, das laufende absurde Theater zu schönen Nachrichten aus der Anstalt zu verarbeiten. Dieses politische Kabarett, es lebe hoch (Urban Priol auf www.kulturagenten.de und www.georg-schramm.de). Wie viele sehen es, wie viele verstehen es und wie viele wählen danach anders oder gehen gar nicht mehr zur Wahl hin? Bitte keine falschen Hoffnungen. Es ist auch ein Gefahr, wenn nur die Störche zur Wahl gehen und sich gleich selbst wählen. Vorteil: Zeitgewinn, weil man nicht mehr lügen muss und gleich etwas zum eigenen Vorteil entscheiden kann.