Lyrik 3

Auswahl

 aus © Michael Hesseler, Wie panierte Gräten, Gedichte von 1969 bis heute, Bremen (dazu gehören auch alle bisher veröffentlichten Gedichte)

 

(1) Endlos

Graue, dicke nasse Suppe

um ihn, ums Auto, um die Ehe.

Es sticht das spitze nebelige Nichts am Ende des weiten Tunnels,

im Dunklen unter den sich hoch überkreuzenden

verschwommenen Baumwipfeln.

Ihr Leben verblasst plötzlich am Rande des Nichts,

am Ende von Aufs und Abs.

Die heile, krumme Welt war wie bunte neckische Soße:

gegossen über den porösen Versuch des Seins.

Aufgedunsene Scheintote darunter leblos.

Mit verklebten Augen nach innen und außen?

Zu verstört lassen sie sich ja nicht befreien,

abgebrochene Persönlichkeiten ohne tauschbare Größen.

Ein Meteorit könnte alles beenden,

verkürzen ohne Lösung den Schmerz beider Leiden.

 

(2) Zwischen Alpha und Omega

Am Anfang steht ein rundes Loch,

nennt es einfach Mund.

Das Ende ist auch rund,

nennt es doch A…loch.

Dazwischen irgendwie Leben pulsiert.

Das ist so vorbestimmt. 

Was ist daran Sinn?

Im Körper eingeschlossen bleibt Seele.

Alles andere ist bloßer Glaube.

Nun sag’ mir, wer ich bin!

Oder kannst du drei Gründe nennen,

warum du leben willst?

Oder kannst Du drei Gründe nennen,

warum du sterben willst?

So lasse ich mich auf diesen Durchgang ein,

fließe unbeirrt im Körpersaft von A nach E.

Vorprogrammiertes Leben,

Vorprogrammiertes Sterben.

Nie von Omega

nach Alpha,

immer von Alpha

nach Omega....-

Könnte A für Karriere und Aufstieg stehen,

E für Scheitern, Fall und Abstieg?

Oder wäre das zu viel Sinn?

Dann doch lieber No (nsens) oder Sinnverweigerung.

 

(3) Vorhut

Sitze mit Fahrrad auf Bahnhof,

Valentins Zwerg-Liliputaner-Vergleich lesend.

Um mich herum peitschender Wolkenbruch.

Wo ist der Einstieg, such!

Die Angst vor dem neuen Beginn zu Dritt ist quälend.

Fahrradtour als der Hölle Vorhof?

Ein Rail Road XRS fährt vorbei

mit einer endlosen Latte BMW’s.

Des Gewinnspiels

Einerlei.

Es regnet dicke Hunde.

Kommen durch Regen Ideen durch?

Während des automatisierten Fahrens?

Von der Freundschaft zwischen Bahnhöfen

und Bahnsteigen

zwischen den verbliebenen Dreien

in den Nöten

des Lebens.

Ach,

Ende!

 

(4) Zehn normale Brötchen

Zehn normale Brötchen

war sein erstes großes Wort,

früh um Sieben.

Hinter ihm donnert’s in einem fort.

Umwelt spielt verrückt.

Vor ihm die Antizeitung:

„Mit fast 20 fast 70 Männer.“

Text transportiert Botschaft

aus nackter Werbung.

Nach einer typischen Wette Perverser

in der wertefreien Spaßgesellschaft

darf jeder wählen, was er will.

Das ist doch schon Demokratie genug.

Mehr wäre wirklich zu viel.

Frei wählen und noch etwas zu sagen

haben wollen

wäre Lug’ und Trug.

Er nimmt sich also die zweite Zeitung.

Neben ihm zwei attraktive Frauen

wie wild auf die ‚Blöd-Zeitung.’

Er hakt die beiden gleich ab

in der Gruppe ‚hirnlos geboren.’

Dieser Grad politischer Bildung

kann auch Männer erwischen.

Hier gibt es keine Geschlechtertrennung,

für die da oben brechen beide den Stab. 

Angeekelt dreht er allen den Rücken zu.

Gebückt vor Hirn schleicht der Intellektuelle

durch die regnerisch gemäßigte Helle

seinem Wenigen an Heimat zu.

Die Zeitung blättert er zu Hause schnell durch,

Überschriften reichen wohl als Information.

Beweihräucherung als Politik für jeden.

Für manchen reicht das Telefonbuch.

Was erhalten die Redakteure dafür!

Befriedigt ist des Opportunismus Gier.

In den Müllsack mit dem Papier.

So beginnt der Tag um sieben

mit ihr am Tisch allein.

Die Kinder fehlen, die lieben.

Sie leben fast nur in der Nacht.

Nur die kaputte Umwelt wacht.

Und fette Soldaten am Hindukusch

mit überflüssigen Posttraumata

Ausdruck einer Rückschrittsgesinnung.

Zu Hause ist Zivilisation,

bleibt gesund, bleibt da.