Auswahl
(1) Ein Unbekannter
Mühsames Schleppen durch enge Gassen der Stadt.
Stures Geradeaus-Schauen, wie apathisch.
Hinter seiner alten Brille glotzen die Pupillen matt.
Hunger, Durst, kein zu Hause, nur Frieren innerlich. -
Nur hin und wieder belebt sich sein Gesicht,
ein Anzeichen von Denken ist zu sehen,
beflügelt seine Schritte bis zum nächsten Verzicht.
Im Wind lange Haare friedvoll wehen. -
Sprachlos, allein, aus irgendeinem Krieg,
sucht ein Entseelter irgendeinen Frieden.
Ein plötzlicher Aufprall, zersplitterndes Glas.
Was auch immer, es geht im Blut zu Ende.
Eine neugierige Menge steht um ihn wie Aas.
Erstarrtes Gesicht, brillenlos gebrochenes Auge. -
Im fast toten Frieden ein entschuldigendes Lächeln:
„Suchte nach dem Krieg Euch, das ewig Normale.“
Lähmung in endloser Nachkriegszeit, Vorkriegszeit?
Nur kleine Kinder bohren nachträglich in der Nase,
bis sie wieder finden in ihr ach so friedliches Spiel.
Bizarrer Freiheitsfriede sitzt Krieg Nacktmodell!
© Michael Hesseler, in: Frankfurter Bibliothek, Gedicht und Gesellschaft: Jahrbuch für das Neue Gedicht, Jahreszeiten, hrsg. von Klaus F. Schmidt – Mâcon und Julius Graf von Hirschsprung, Brentano-Gesellschaft Frankfurt/M. mbH, Frankfurt am Main 2005, S.193 (ISBN 3-933800-18-8, ISSN 1613-8368) (www.brentano-gesellschaft.de)
(2) Blickkrampf
Er sitzt unbeweglich oben auf dem Deiche,
ist geworden zum erstarrten Blick über den Fluss
hinweg zwischen zwei begrenzenden Ufern
in Richtung drohendes oder gutes Meer.
Kopf in Schraubzwinge, kann sich nicht bewegen.
Blendende Sonne dynamisieren muss
mit Wärme sein altes Gesicht, schwer vor Leere.
Widerständig sein verbittertes Herz, zäh wie Teer.
Es leben von ihm eigentlich nur ein paar Tränen,
die am Willens-Rande fast munter herunterfließen.
Es grübelt etwas stumm in ihm, stumpfe Obsession
unterhalb der quälenden Lebensdepression.
So sitzt ein Stein leblos oben auf dem Deich,
er bleibt wie früher so arm wie reich.
Stunden, Tage, Monate, Jahre, eine ganze Ewigkeit?
Gleichgültig dem helllichten Tag wie der dunklen Nacht!
Endlich presst er etwas wie Worte aus sich heraus:
„Fahr mich endlich hier weg nach Haus’!“
Ein junger Mann rollt ihn schweigend herunter vom Damm.
Vater und Sohn verschwinden in der Ferne wie ein Traum.
© Michael Hesseler, in: Bibliothek deutschsprachiger Ge- dichte, Ausgewählte Werke VIII, Innenwelt, Realis-Verlags- GmbH, Ulm 2005, S. 562 (ISBN 3-930048-48-5) (www.gedichte-bibliothek.de)
(3) Der alte Sessel
50 Jahre sitzt er im gleichen Sessel
aus Nilpferdhaut, tief am Boden.
Von der Sonne ausgebleichtes Braun,
Schaumstoff billig herunter gesessen.
Heute, mit 100, braucht er 20 Minuten
von der Küche ins Wohnzimmer,
schafft ihn, weiß wie Mehl.
Heraus kommt er nur mit anderen.
Seit 50 Jahren das Gesicht zur Glotze starr,
für die unrasierten Runzeln jetzt sogar digital.
Mit dem Zapper in der zittrigen Hand,
auf der Suche nach vergangenem Land.
Hier er isst, trinkt, arbeitet, liest, schreibt, schläft,
während das Medium ohne Anfang und Ende läuft.
Jetzt holt er zum Sessel die unerreichbare Welt,
der nicht mehr übermütig vor Leben dampft.
Aufrecht in ihm sitzend würden sie ihn bald tragen
zur Feuerbestattung als Ende im TV-Grabmal.
Mit Kopfschütteln wird in seiner Urne finden
die Nachwelt einen verlebten alten Sessel.
© Michael Hesseler, (a) in: Die Literareon Lyrik-Bibliothek, Band IV, hrsg. von Anja Zimmermann, Literareon im Herbert Utz-Verlag GmbH, München 2005, S. 93 (ISBN 3-8316-1236-6, www.literareon.de) sowie (b) in: Blauzeit, Gedichte, Julia Romazanova, Hans Sonntag, Marcus Neuert u.v.a., hrsg. durch das Literaturpodium, Dorante Edition, Engelsdorfer Verlag, Berlin 2007, S. 137 (ISBN-10: 3-86703-5296, ISBN-13: 978-3-86703- 5293) (www.literaturpodium.de)
(4) Er
Er steht unten,
prüft alle, die nach oben wollen:
Wer bist Du?
Was willst Du?
Wo ist Dein Pass?
Wer seine Identität hat,
kann mit Geld Gas geben,
manche nennen es Schach matt.
Der frei Gegebene darf smart eine Etage höher fahren.
Höher nur wenige, sonst ist Engpass.
Die Auserlesenen sind die cleveren und starken Opportunisten.
Die meisten müssen aber unten stehen und brav warten.
Sie sind das einfache Volk.
Sie stehen hier ein Leben lang.
Wer meckert, aufmuckt, ungeduldig wird,
schiebt er nach unten in den Keller herunter.
Ins Dunkle, Kalte, Fensterlose, helter, skelter,
Leiden wie ein kleines hilfloses Kind.
Licht gibt es selten, nur nach dem Bedarf,
den er allein bestimmen darf.
Und das ist so gut wie nie.
„F… Euch doch ins Knie!“
Der Fahrstuhlwärter hat jetzt eine Ich-AG,
im Auftrag von der Oben-AG.
Er verteilt alle
nach Lust und Laune.
Böse ist die Abwesenheit von Liebe.
So gehören die Guten in den Keller
wie die Bösen aufsteigen hier.
Wo ist der so genannte Herr?
© Michael Hesseler, in: Blauzeit, Gedichte, Julia Romaza- nova, Hans Sonntag, Marcus Neuert u.v.a., hrsg. durch das Literaturpodium, Dorante Edition, Engelsdorfer Verlag, Berlin 2007, S. 136 (ISBN-10: 3-86703-5296,ISBN- 13:978-3-86703-5293) (www.literaturpodium.de)
(5) Einerlei
Bis dass der Tod sie scheidet,
er gern still und offen leidet.
Er liebt sie, das glaubt er.
Sie liebt ihn nicht, glaubt er.
Er tut alles für sie.
Sie dient wohl nie.
Im Auf und Ab
gespensterhafter Spannung
und seiner Angst vor Untergang
segeln sie beide am Leben entlang,
bis er übergibt den Stab
an ihren schnellen Tod.
Warum musste sie vor ihm sterben?
Für wen sollte er jetzt wohl leben.
Für ihn selbst kann es wohl nicht sein,
wer ist schon gern ganz allein.
Von sich hat er noch nie Besitz ergriffen,
um einfach ein würdevoller Wer zu sein.
Das Herz wird ihm daher kalt
nur beim Gedanken an sie, bald
malt er sich daher ein Bild von ihr,
das allein ihn hält noch hier.
Was ist schon dabei,
als geborener Untertan nicht „ich“ zu sein!
Fast schon vermisst er die ewige Streiterei,
die war wirklich sein.
© Michael Hesseler, in: Anthologie "Liebe in all ihren Facetten", ISBN 978-3-9808777-3-2, Lichtstrahl-Verlag, Gotha 2007, S. 104, http://www.gedichtwettbewerb2007.de
(6)Jedem das Seine
Seine alte Mutter hat nie
ein Buch gelesen
bis zu ihrem Krebs.
Ihr Sohn hat sich nie
interessiert für Minen
bis seine Beine weg waren.
Alles ist nach dem Unfall plötzlich anders.
Zuerst redet er sich im Rollstuhl ein,
dass Bäume sterben aufrecht allein.
Daraus bastelt er sich seine Weltrevolution.
Dann gibt er ohne menschliche Würde auf,
fährt selbst auf eine selbst gebastelte Mine ‚drauf.’
Jede Hilfe kommt zu spät, auch sie, die Gute.
Sie findet seine Anleitung zum Weitermachen.
Hat sie früher verstümmelte Kinder gepflegt,
sprengt sie jetzt lustvoll die der Verantwortlichen
in die Luft.
© Michael Hesseler, in: “Michaela Trieb, Jürgen Kirschner, Monika Schneider, Licht im Wandel”, Dorante Edition, Berlin 2007, S. 78 (www.literaturpodium.de)
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