|
Auswahl
aus © Michael Hesseler, Der hustende Fisch. Frei erfundene Reformvorschläge aus dem alten China, Monsenstein und Vannerdat, Münster 2007, ISBN: 978-3-86582-144-7 (lag aus beim Gastland China auf der Frankfurter Buchmesse 2009)
12.Geschichte: Aprikosen
Ein Aprikosenverkäufer hat eine Tochter, die sehr schön ist und mit einem ‚Wasserkopf’ zur Welt gekommen ist. Leider stirbt sie vor ihrer möglichen Heilung schon im zarten Alter von nur vier Jahren. Sie hat nämlich, unbeachtet von der Mutter, ihren Kopf zwischen zwei Gitterstäbe geschoben, ist stecken geblieben und elend erstickt. Außerdem hat der Aprikosenverkäufer einen Sohn, der von Geburt an stark hinkt. Daher kann er nicht schnell genug dem Pferdewagen des ehrfürchtigen Großmarschalls ausweichen, wird gnadenlos überfahren und stirbt schnell an den Folgen. Die Frau des Aprikosenverkäufers ist schon lange blind. Daher verwechselt sie den Käfig eines Tigers im Zoo des Königs Wang-yüan mit der Teestube, in der sie ein paar Literaturtanten treffen will, und wird gefressen. So ist der Aprikosenverkäufer plötzlich allein und versucht, seiner Einsamkeit Herr zu werden. Er lebt noch lange, weil er für die verstorbenen Familienangehörigen keine Kopfsteuern mehr zahlen muss. Aber er kann nicht verhindern, dass er selbst irgendwann an einem Aprikosenkern erstickt. (S. 21)
14. Geschichte: Lektion
Wegen der verbreiteten, von Dynastie zu Dynastie schwankenden legendären Geschichtsfälschungen weiß man natürlich nicht viel über die von oben eingeführte und in irgendwelchen Anstalten abprüfbaren kulturellen Errungenschaften wahrer Bildung. Diese kann ja wie ein trunkenes Hähnchen zu Herzen gehen oder auch einmal wegen Unverdaulichkeit zu Herzstillstand führen. Glücksritter und Emporkömmlinge können in diesem gesellschaftlichen Gebäude sogar als bloße Gäste aufsteigen, wenn sie genügend Bestechungsgelder zahlen. Manchmal haben es auch Menschen einfacher, die erfolgreich die Anzahl der Samen in Orangen erwettet haben.
Gerade die Bildung für Kinder und Jugendliche, wenn sie sein muss, muss aber sorgfältig und kundig zubereitet werden wie eine Suppe der Weisheit. Es ist nicht überliefert, warum K’ung-pi Tzu dieses menschlich wertvolle Gut vom Himmel auf die Erde heruntergeholt hat. Die Meinungen dazu sind durchaus gespalten. Die einen meinen, er sei ein überragender Geistarbeiter gewesen sei, der jedem auch noch so dummen Gedanken nachgehangen hätte. Die anderen halten ihn einfach für einen formalistischen Spinner und gehen weiter ihrer geregelten Arbeit nach.
Vor diesem Hintergrund soll die folgende Begebenheit nur zur Meinungsbildung beitragen, auch wenn sie oben nicht gern gesehen wird.
K’ung-pi Tzu besucht nämlich gern und oft seinen Muster-Schüler Ya-tse, um die Früchte seiner Belehrungen einsammeln zu können oder Ansatzpunkte für Verbesserungen nach dem üblichen Meckern zu finden.„Hast Du heute schon etwas gelernt?“ fragt Kung also.
„Ja, Meister. Nach dem Lesen eines Buches der Langnasen weiß ich jetzt, wo man am schnellsten die besten Pilze im Moos des Waldes findet.“
„Aber, das ist ja unsittlich!“
„Natürlich, das ist das Schönste daran, mein Meister! Ich folge meinem Tao. Dann kommen auch meine Hunde und Hühner in den Himmel“
Obwohl K’ung-pi Tzu sogar von altklugen Kindern lernen will, geht er doch traurig gesenkten Kopfes von dannen. Keiner weiß, wie die nächste Lektion ausfallen wird. Aber, wahrscheinlich geht es wieder nicht um Wissen für Arbeit und Leben im Hier und Jetzt, sondern um moralische Grundsätze im Dort und Später.(S. 23)
20. Geschichte: Muße
Der wilde Pflaumenbaum weht heftig im Wind. Die Bambushütte wackelt gefährlich. Bettgestelle können nicht knacken, weil sie damals noch auf Bambusmatten schlafen. Das Feuer prasselt schon in der mit Körnern gefüllten Schale, um sich zu berauschen. Sicherheitshalber haben sie Glückszeichen wie den Rhinozerosbecher ausgerollt. So sitzen sie mit den Händen verbunden im Kreis und denken an nichts. Nur die Angst vor arbeitslosen Geistern in Fuchsgestalt, die die Ahnen geschickt haben könnten, greift kalt um sich. Der Älteste hat schon nach dem Geistheiler geschickt, der klassenübergreifend für Aberglauben zuständig ist und hoffentlich den Weg kennt. Wird der Winter im Lande Kao-hao das zulassen? Es bleibt also viel Zeit für wärmende Wintertees, das Üben von Anstandsregeln bis zum Erbrechen und dem Klopfen von Sprüchen wie z.B. „Jemand, der seine Familie mit Fischen ernähren will, kann nicht mit einem Teenetz angeln gehen.“ (S. 34)
45. Geschichte: Das Bett
Kaiser können sich schon einmal bei der Überwachung der für sie hart schwitzenden Kulis überarbeiten. Das ist natürlich um so eher der Fall, als sie ihr Selbst verlassen. M. a. W. sie pflegen zu viele Liebschaften gleichzeitig, essen und trinken zu viel von dem, was nicht zur Jahreszeit passt, und achten nicht auf körperliche Bewegung, die sogar gesund machen soll. Schon, um auf der Sonnenseite der Liebe zu bleiben (ob gleichgeschlechtlich oder nicht), müssen Herrschende harte Mittel schlucken. Für Sportkapseln ist dabei der Hofarzt zuständig, der allerdings auch keine Wunder vollbringen kann. Den Urin des Tigers zu trinken wird genauso wenig nützen, wie sich im Garten der Sinne aufzuhalten oder mit den richtigen Pflanzen zu leben. Am besten sind Kaiser dran, die nicht nur Eunuchen als Palastwächter oder kaiserliche Sekretäre haben, sondern selbst schon welche sind. Das ist aber selten der Fall, weil Eunuchen besondere Dienste für die Cliquen leisten müssen, die Eunuchen gern an Kaiser verschenken.
Man kann sich jedenfalls als Kaiser nicht den ganzen Tag in der Sänfte herumtragen lassen und noch nicht einmal zur eigenen Notdurft zu Fuß in den Garten gehen. Es wäre im Übrigen schon ein großer Fortschritt, wenn man jene nicht so einfach an dem Ort herauslässt, an dem man sich gerade befindet.
Ohne körperliche Ertüchtigung können Kaiser so fett werden, dass ihre Liegestatt zusammenbricht, wenn diese schon nach westlichem Vorbild ein Bett wäre. Mit Sicherheit würde ein nicht-denkender Kaiser dann liegen bleiben
und ruhig auf der Erde weiterschlafen. Das Ergebnis wäre also das gleiche, als wenn er gleich auf seiner weichen, dicken Matte weiter geschlafen hätte.
Richtige Betten führen aber weiter, wenn Kaiser hart aufschlagen und ins Nachdenken über sich geraten. Je nach Ergebnis könnten sie dann irgendwann Gewicht abnehmen, wem auch immer. (S. 71)
59. Geschichte: Haus der Methode
In einem großen tempelartigen Haus in Fa-miao leben viele Priester. Sie reisen durch das ganze Land und geben Ratschläge, die manchmal keiner hören will. Mehr können sie nicht. Ein Oberpriester leitet alles. Eines Tages reisen drei Priester in das Dorf Ts’un-chui, das viele Probleme hat. Die Bauern bauen zu wenig Reis an und zahlen daher zu wenig Steuern. Darüber macht sich die Leitung des Dorfes Sorgen, die dem kaiserlichen Steuereintreiber nicht auffallen will. Sie holen die Priester herbei. Diese schauen sich kurz sachkundig um und wissen sofort Bescheid. Sie pinseln sich Einiges von dem auf, was sie zu beobachten glauben, und versprechen dem Dorf, ihm die Lösung bald zu schicken. Einen Monat später bringen mehrere Boten einen dicken Bericht mit vielen, zum Teil schwer zu verständlichen Vorschlägen und einer umfangreichen Rechnung in das Dorf. Ratschläge sind z.B., keine trächtigen Schildkröten mehr zu kochen oder den kühlen Freund im Winter im Kasten zu lassen. Die Dorfleitung muss dennoch zahlen. Wen sollten sie sonst um Rat fragen! Wieder einen Monat später trifft ein weiterer Bericht aus diesem Tempel mit ähnlichen Vorschlägen und einer weiteren Rechnung ein. Die Dorfleitung versteht die Welt nicht mehr, handelt aber nicht. Wieder einen Monat später kommen eine Erinnerung und ein dritter Bericht mit Rechnung. Daraufhin entschließt sich die Dorfleitung endlich hinzureisen und sich zu beschweren. Nach wochenlanger Prüfung stellt sich dort heraus, dass der Oberpriester Luan-ching-li zu viel Opium raucht und zu viel Reiswein trinkt. Fast blind vor Betäubung hat er alle Sendungen mehrfach unterschrieben und veranlasst. Die an der Beratung beteiligten Priester haben sich allerdings untereinander nicht verständigt. Vielleicht sind es auch zu viele gewesen, so dass sie sich in dem zu großen Tempel weder gefunden, noch zufällig begegnet sind.- Die Dorfleitung wird wohl nie wieder auf die Idee kommen, sich beraten zu lassen, und wird diese Löwengesellschaften meiden. Da ist sie besser dran, als der Kaiser, der denen gegenüber, die eigentlich entscheiden, höchstens ein paar Vorschläge zur Abänderung von Strafen vorbringen darf. (S. 92)
78. Geschichte: Verwaltungslöcher
Die bekannte Ur-Krankheit greift einmal mehr um sich. Unkontrolliert wird alles, was nicht funktioniert, verschlechtert. Menschen, die ihre Mitte verloren haben, nennen dies Reform. Sie wütet wieder einmal in allen Herrschaftsgebieten des reichen Landes fern seiner Mitte. Alle hohen Adeligen und Würdeträger sowie ihre Beamtenapparate kämpfen um die gelehrten Ratschläge der besten Edelleute und Priesterschreiber. Jahre gehen ins Land, bis jeder - nach vielen Ablenkungen - seinen Vorschlag fertig gestellt hat. Das ist so, also ob sie wie Bauern so lange auf Hasen warten, bis diese gegen einen Baumstumpf gelaufen sind und tot eingesammelt werden können. Der kaiserliche Kanzler Kua-jou (weicher Kürbis), der erhabene Sohn des immer nahen Himmels, lässt dann alle klugen Ratschläge, wahnwitzigen Ideen, Wirklichkeitsverzerrungen einsammeln und schichtet sie erst einmal ungeordnet in einer Ecke des Palastes auf. Ein Harmoniestab, der sich mit dem Planen von Zufällen auskennt, soll daraus unter Aufsicht des Kanzlers den großen Entwurf basteln. Das Gremium besteht aus vielen völlig zu Ehrwürdigkeit vergreisten Ministern und betagten Beamten aus dem „Hohen Haus ohne Erleuchtung“. Nach weiteren 3 Jahren ist der Reformentwurf fertig. Allein die Einhaltung der Teezeremonien sowie des musikalischen und menschlich-anspruchsvollen Begleitprogramms hat dabei viel Zeit verschlungen. Auch haben die geistig Schaffenden zwischendurch Sternenbilder wie das des großen inneren Schweinehundes deuten müssen. Viele Wanderungen durch unwegsames Gelände zu den letzten Berggeistern und Eremiten aus der Urzeit des Wandels haben ebenfalls viel Zeit gekostet. Das Schreiben und mehrfache Umschreiben des 4000 Tafeln umfassenden Berichts verschlingt dann noch einmal 2 Jahre. Schließlich muss zwischendurch der Kaiser der Form halber gefragt werden. Immerhin hat dieser schon weise entschieden, die Zeichen auf den Bambustäfelchen nicht auf Seidenbahnen umzupinseln. Dann werden umwälzende Maßnahmen in einer Reihe schwerwiegender Feiern erdacht und verabschiedet, unterbrochen von langen Aufenthalten in den „Seelenhäuschen.“ Wieder drei Jahre. Zur Überraschung vieler, die die Geflogenheiten immer noch nicht kennen, und natürlich der ewigen Idealisten, die noch an das Gute im Menschen glauben, benötigt die eigentliche spürbare Umsetzung des Reformkonzepts nur einen Zeitraum von etwa 1 Jahr. Darin sind schon Korrekturen zur Verhinderung von Schlimmerem enthalten. Die Jahrhundertreform, von der das ganze Land schon lange geträumt hat, umfasst im Einzelnen:
Änderung einer Überschrift in den allgemeinen Verwaltungsvorschriften des Handbuchs der politischen Unsittenlehre (das Pu-li-chi der „alten Sackgassen“)
Beseitigung von drei unwichtigen Schreibfehlern
Verheiratung zweier verfeindeter Familien durch den Sekretär des Verwandlungsministeriums „Ehrwürdig-Heiliges Chamäleon“
Prüfung und Anpassung der traurigen Wirklichkeit an die in den Verwaltungsvorschriften beschriebenen gut ausgestatteten ehrenvollen Positionen
Neu-Regelung des Bestechungswesens (Li Sa-Xen)
Verteilung des bitteren Restes nach dem Prinzip je älter, ärmer, kränker, ungebildeter und widerspenstiger um so weniger
Abrundung des ganzen durch die Grundsicherungslehre „Besser Diener bei einem Rossarzt als Betteln.“
Mit einem großen Feuerwerk wird das Jahrhundertwerk dann gefeiert. Das durch hohe Steuerlast geknechtete und ungebildete Volk, vor allem Bauern, Arbeiter, Handwerker, kleine Kaufleute und geringfügig-randständige Berufe, darf auch mitfeiern. Wer ist schon gern bei seiner eigenen Beerdigung abwesend. Der Kaiser kann allerdings nicht mehr teilnehmen. Er stirbt vor Überarbeitung und überlässt damit alles Weitere dem Meer der Verwaltungslöcher, in denen die Arbeit unaufhaltsam für immer verschwindet.(S. 123)
106. Geschichte: Der edle Bootsmann
Was oft nur bleibt, ist die bewährte Erfahrung von gestern, anstatt ohne Verankerung in der Gegenwart unverantwortlich in die Zukunft zu blicken. Das kann ins Auge gehen, d.h. zufällig auffallen. Für die jeweilige Zentralregierung ist es also sinnvoll, selbst bei den öffentlich Beatmeten den bislang schon fehlenden Wettbewerb auch per Gesetz für alle Zeiten abzuschaffen. Dadurch beugt man einer Bewusstseinsbildung vor, die ohne Grund aus der schlecht durchschaubaren Ausbildung entstehen könnte.
Wohlverhalten, der richtige Glaube an die Unvermeidlichkeit der Störche und auserwählte Götter, die man als Schuldige später ja braucht, sowie die vorsorgliche Bestrafung der Opfer der eigenen Taten reichen in diesem Rahmen als Fundament des Regierens wohl aus. Und wer sich anstrengt, weil es sich wieder lohnt, und dann immer noch nicht merkt, dass alles beim Alten bleibt - d.h. die Reichen reich bleiben oder reicher werden und die Armen arm bleiben oder ärmer werden -, dem kann auch nicht mehr geholfen werden. Damit alles unter Kontrolle bleibt, setzen die dafür zuständigen und dafür besonders geeigneten Amtsträger den Getäuschten wohlschmeckende Visionen für ein gutes Leben im Jenseits vor, nach dem Prinzip: „Friss’, armes Vögelchen, damit Du lebest ewiglich!“ Mit dem guten Menschen von „wo auch immer“ kann man oben ohnehin nichts anstellen, wenn er plötzlich da wäre. Daher kann man ihn getrost denen da unten zum Spielen für ihre Illusionen über eine bessere Welt geben. Zu körperlichen Lebzeiten soll es dem Volk unten noch nicht gut
gehen, was sie aber nicht merken dürfen. Nur die wenigen Störchen dürfen sich auf Kosten des Volkes wohlig in der Sonne rekeln, die sie auch noch für die eigene halten. Und wenn wirklich (was fürwahr selten eintritt), Mitmenschlichkeit in zu auffälliger Weise auf der Strecke zu bleiben droht, stellt das zentrale Festlichkeitsministerium sicher, dass bei allem Reformeifer keiner im Himmel oder auf Erden völlig die Lust am Leben verliert.
Doch die oben brauchen immer einen willigen Bootsmann, der so blauäugig ist, dass er um der reinen Ehre willen einen kaiserlichen Storch in den Himmel trägt: Wie einst der gute ‚Teng-tong-Tze.’ Dem wäre es ziemlich gleichgültig gewesen, ob der Storch dabei schwarz-gelbe, rot-grüne, schwarz-rote oder völlig farblose Gewänder getragen hätte. In Tausenden von Jahren werden von technischen Geräten unterstützte Einrichtungen dieses Geschäft übernehmen, indem sie Nachrichten – von Hundemeuten geliefert - irgendwie aufbereiten und das Ergebnis der Oberflächengestaltung an eine vielgliedrige und sich zerlaufende Öffentlichkeit weitergeben. Der reicht es wohl dann aus, Blumen vom Sattel aus zu betrachten.(S.191)
117. Geschichte: Hierarchie
Dass die Herrschenden immer versucht haben, für sich ‚herr’-liche Zeiten herzustellen, ist bekannt. Ein Mittel dafür ist immer gewesen, das Volk dazu zu bringen, sich selbst zu kontrollieren. Das geht so weit, dass Menschen aus einem Volk andere Menschen, z.B. ihre Nachbarn, Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen überwachen und denunzieren. Das regelt in einem Land fern seiner Mitte ein Denunzierungsministerium alles bestens. Sicherheitshalber ist es auch zuständig für den Moralkodex, Schulungen, Belohnung und Strafe. Dieser unverzichtbaren zentralen Stelle geht es selbst zwangsläufig sehr gut. Sie darf z.B. selbsttätig motivierende Begleitmaßnahmen wie Folterungen, Beratungen, Orakelknochenlesungen oder Spiele anordnen. So bringen die Affenführer aus der Sonderabteilung Dressur sogar richtige bunt bekleidete Affen dazu, auf Ziegen zu reiten. Das Besondere der Maßnahmen zum Vorteil der Oberschichtsangehörigen besteht darin, dass sich z.B. Folterungen sowohl auf diejenigen erstrecken, die denunziert werden, als auch – und sei zum Schein - auf diejenigen, die denunzieren.
Sofern die Herrschenden zustimmen, kommen einmal im Jahr die Verwaltungsbeamten des für alle Provinzen zuständigen Ministeriums zusammen und beurteilen bei einem großen Fest den Erfolg. Sie besprechen auch neue Maßnahmen und entscheiden, wer von den Gefolgsleuten mit Orden, Land oder Konkubinen im ‚Apfelbett’ besonders geehrt und mit Geld behangen werden soll. Sich selbst
kann man dabei schon allein deswegen nicht auslassen, weil es genügend Gründe für Vorzugsbehandlungen infolge herausragender Leistungen gibt.
Insofern können nur Landesunkundige behaupten, das Volk stünde nicht im Mittelpunkt der Arbeit der Regierenden. Das ist alles eine Frage der richtigen Außendarstellung durch Berater wie z.B. Lao-mao. Sein Programm, das sich in Zukunft bewähren wird, umfasst die lockere Umsetzung der 5 Tugenden des gemeinen Beamtenhahns: Gelehrsamkeit im leeren Kopf, kriegerische Friedenstüchtigkeit in den Sporen, engagiertes Bekämpfen des Volkes, stetige Berücksichtung von Gleichgesinnten bei der Verteilung von Mitteln und Überschuss für sich, zuverlässiges Durchwachen der Nächte bei kostenlosen anständigen Feiern.
Wenn alles nichts hilft, kommt der gute Palmwein zum Einsatz, der die Angst von Beamten dämpft. Er hat schon gegen Malaria und die vergifteten Pfeile des eingeborenen Volkes im Süden geholfen.(S. 207)
133. Geschichte: Alles wird besser
Früher, in den Zeiten der wirklichen Mitte, ist der größte Gegensatz der zwischen Leben und Tod gewesen. Jetzt ist das Gegenteil vom Leben ohne Arbeit der gleitende Übergang ins Sterben ohne Geld. Das ist der größte Fortschritt in Ländern, die ihre Mitte verloren und in denen die satten Störche sich fast vor Reichtum an den ihnen dienenden Fröschen überfressen haben.
Wer ohne bedeutungsvolle Arbeit lebt und wen nur Familie, Verwandtschaft, Freunde und Bekannte so durchs Leben tragen, der merkt keinen Unterschied zum Sterben. Er braucht auch kein Geld zu zahlen - wenn er es überhaupt hat -, um endlich tot sein zu dürfen. Nur, wenn Beerdigungen anstehen, erhalten Mitglieder der Sippe das seltene Vorrecht, zumindest nachts den so genannten Himmelssöhnen nicht dienen zu müssen. Schließlich darf die Sippe die Kosten dafür tragen, die Toten nach einer schönen nächtlichen Feier bei Fackelschein auf den Friedhof den Ahnen zu übergeben. Die Clans und Familien sind sogar so beweglich, dass sie die Verstorbenen an welcher kaiserlichen Baustelle auch immer abholen und in ihr Heimatdorf geleiten.
Gut ist, dass Verwaltung überflüssig wird, wenn das Volk freiwillig geht und den Störchen oben alles überlässt. Warum sollte es denn ein Volk geben, das auch gern reich wäre und Macht haben würde! Nur die Störche können doch damit umgehen. Und sie haben es ja auch nach hart von oben angeordneter Arbeit, die ihre Taschen verantwortlich gefüllt hat, verdient. Wird es so weiter gehen bis in die unbekannte Zukunft, in der kein Dreckwasser mehr benutzt werden muss, weil sauberes Wasser fehlt? (S. 237)
138. Geschichte: Heimlicher Wissensentzug
Um der Gefahr des höheren Durch- und Überblicks vorzubeugen, hilft das neue Wissensentwertungsministerium Menschen ohne Mitte, die den schnellen Rat in erneuerbaren Sackgassen suchen.
Die beauftragten Beamten sowie sie unterstützenden Schmarotzer und Lakaien des Hofstaates sind meist mit der Kaiserfamilie verwandt. Dieser geballte Sud, der alles Fremde abstößt, will eben auch mal kurz vor dem Lebensabend etwas Anständiges erlernen. Diese Füchse können ja meist noch nichts, außer die Macht der Tiger für sich nutzen. Sie dürfen außerdem noch nicht einmal auf dem Esel sitzend das Pferd suchen. Scharenweise locken sie also arme Bauern, Handwerker, Alte, Kranke, Behinderte, Händler, Philosophen, Gelehrte und Randgruppen, sogar Frauen mit dem falschen Versprechen auf Wissen und Leben in die großen Vorhallen der Wissensentwertungsämter. In manchen Provinzen heißen sie Min-ts’an-t’ang (Halle der bedauernswerten Frösche) und arbeiten direkt mit den Bestattungsämtern zusammen. Im Vorhof dieser Paläste, in denen nur hochgradig ausgebildete Verwalter arbeiten, zahlen die Ratsuchenden für diesen guten Zweck einen Obolus in Münzen oder Naturalien ein. Dann werden sie durch gelegentlich Dienende auf die Gänge vor den Beratungsverschlägen verteilt, hinter denen lautes Gelächter und das Geklimper von Teetassen erschallt. Dort kann man es aushalten, die Ratsuchenden fühlen sich fast heimisch. Der Schein trügt aber; denn sie hören wegen der lauten zur moralischen Besinnungslosigkeit anregenden
Musik nicht, wie hinter ihnen die Schranke zur Außenwelt zufällt. Tollwütige Hunde besetzen den Ausgang und hindern sie daran, ins Leben zu treten.
Die mit Rat zu Erschlagenden sollen so lange nicht mehr herauskommen, bis sie nichts mehr wissen und wieder für jede Drecksarbeit geeignet sind, für die sie als Gegenleistung nichts erhalten als ihr nacktes kümmerliches Leben. Mit dem Wissen haben sie auch ihr Bewusstsein verloren. Daher merken sie nichts davon, dass sie alles nur wollen müssen. Und Wissenswäsche ist ja auch gut so, wie ein ‚warmer’ weiser Dorfältester einmal von sich geben hat. Oder? (S.246)
142. Geschichte: Entwicklung lenkt ab
Immer schon haben Herrschende darauf geachtet, dass ihr dummes Volk zu nichts kommt, außer sich für sie kaputt zu arbeiten. Muße, die im Vergleich zur bloßen Faulheit zu eigenem Denken führt, kann gefährlich werden. Sie kann nämlich zur Verlangsamung innerer Leere, gestörter Verständigung und fehlenden Einfallsreichtums führen, die schnelles Herrschen behindert. Die Muße müssen die Herrscher aller Zeiten daher durch geeignete Maßnahmen geschickt umsteuern oder gleich ganz abschaffen. Sind Arbeitssklaven rund um die Uhr beschäftigt, kommen sie nicht zum Nachdenken und können keine gefährlichen Fragen stellen: z.B., ob Gottesanbeterinnen rund um die Uhr Zikaden fangen müssen. Dem Missbrauch, Spaß am Leben und Arbeit zu gewinnen, kann so rechtzeitig vorgebeugt werden. Wie können aber Bewusstsein und geistiges Vermögen der einzelnen Menschen friedvoll und nachhaltig ‚enthauptet’ werden, damit sie sich nicht wie aus dem Nichts als freie Individuen selbst bestimmen wollen! Die Methode des kontrollierten Absterben-Lassens des Selbst vor dem Erreichen des eigentlichen Lebens hilft dabei göttlich. Unterstützt durch die sinnstiftende Arbeit von Schlägertrupps, die das innere Zentralministerium gern von eingeschleppten braunen Barbaren ausbilden lässt, hat eine ganze Gilde von blutsaugenden Beratern in den Zwischenwänden der Paläste Beschleunigungsprogramme entwickelt. Sie können den Wandel zur Steinzeit erfolgreich begleiten. Das weit verbreitete und vorbildliche Handbuch der erhabenen Sittenverrohungslehre von Pih-fen Tzu hat diese Maßnahmen für die Nachwelt aufgeschrieben. Es enthält folgende Abschnitte:
Zeitweilige Vorenthaltung von Nahrung oder Verteilung von minderwertiger
Abschieben in abgelegene Sondereinrichtungen aus fadenscheinigen Gründen wie z.B. stinkt, keine Lust, klappert mit den Zähnen, vergesslich, hat noch Geld versteckt etc.
Besuchsverbot in Freudenhäusern und erzwungenes Zuschauen-Müssen, selten Zwangkastration
Ausschluss von Festen, Feiern und Volkssportarten, manchmal Verdammung zu lächerlichem Drachensteigen
In Provinzen, die von den Missionaren viele seltsame Geschichten über die Barbaren gehört haben, Ersatz der Hahnenkämpfe durch Sklavenkämpfe unter erschwerten Bedingungen, d.h. nicht Kung-Fu, was jeder kann, sondern Kampf mit metallenen Teekesseln so lange, bis dass der Tod sie scheidet
Als zweite Höchststrafe unmittelbare Mitarbeit am Wandel in Sichtweite des Kaisers oder seiner Ministerien, was kaum einer überlebt
Als erste Höchststrafe Einführung von Wettbewerb unter Beamten.
So ist der Einsatz in den vielfältigen rektal orientierten Arbeiten an den Hinterseiten der Adeligen und Beamten gesichert, die sich ihren Allerwertesten ja noch nicht einmal selbst abwischen können und wollen. Im Sinne des allgemeinen Wohls der Herrschenden wird damit auch ein für die dauerhafte „Hinten-Hinein-Kriecherei“ geeigneter öffentlicher Raum geschaffen. Ja, das Menschenherz ist eben nie zufrieden, wie eine Schlange, die einen Elefanten verschluckt, den Hals wohl nie voll bekommt. (S. 255)
147. Geschichte: Huhn in der Provinz
Ja, wie lassen sich Hühner dazu umschulen, eine Verwaltungslaufbahn einzuschlagen, auch wenn das Kopfnicken hinderlich wäre? Mit solchen tiefssinnigen Fragen beschäftigt sich die Schule um den Gelehrten Chu Tze, seit dieser nachts sogar Götterschreine bewegen kann, die es nur in der Einbildung der niedrigen Schichten gibt. Daraus hat sich ein schwergewichtiger Beratungsansatz für die kopflosen Provinzfürsten und ihrem selten denkenden Verwaltungsapparat entwickelt. Diese erleuchtende Methode setzt darauf, dass sich die Abgeschiedenheit von Herrschaftsbereichen und die religiöse Verstreutheit Andersdenkender gegenseitig abbauen.Chu sucht nun noch nach einem Mittel, mit dessen Hilfe die schwierige Zweibeine-Methode einen Fluch auslösen kann bei denen, die dagegen sind. Was das für die Hühner in den Provinzen, die im Wettbewerb um Reichtum stehen, bedeutet, ist noch nicht gesichert. Es kann sein, dass dort die Hühner anstatt Eier Steine legen. Falls es sich um Baumaterial handelt, ändert sich wenig. Dann verschiebt sich also der Wettbewerb nur geringfügig.Unter Umständen muss dann an den Schriftzeichen gearbeitet werden, so dass ihnen vielleicht irgendwann ein braunes Licht aufgeht. Den Herrschenden ist die Farbe ihrer Herrschaft immer schon gleichgültig gewesen. Für sie zählt nur das Ergebnis: Die Herrschenden dürfen alles und haben deswegen alles und umgekehrt, und das Volk darf nichts und hat nichts und umgekehrt. Jemand der glaubt, das Volk müsste, könnte, wollte und dürfte herrschen oder das wäre sogar schon die Wirklichkeit, dessen Dachstroh brennt lichterloh oder wird weder mit Eiern noch mit Steinen fertig.(S. 269)
|