Prosa 4

Auswahl (z.B. Roman)

Aus dem Romanentwurf “Tod eines Autors der 68er” (früher: “Stein und Glas”) stammt folgender Ausschnitt, der für eine Veröffentlichung in einer Literaturzeitschrift      aufbereitet worden ist. Literaturzeitschriften machen auch Veröffentlichungen bzw. verhindern sie durch die angelegten Selektionskriterien von Literatur. Das thematisieren sie selten. Der folgende Text hat dies indirekt thematisiert. Hat die Ablehnung seiner Veröffentlichung damit etwas zu tun? Schließlich müssen auch Literaturzeitschriften hart kalkulieren. Gefährdungspotential ist daher unerwünscht.

Ausschnitt aus © Michael Hesseler,Tod eines Autors der 68er, Bremen 2008

Dem Verständnis von Literatur-Veröffentlichungen soll der folgende fiktive Brief eines fiktiven Autors an einen fiktiven Lektor dienen.

 

“Jammertal in Utopien, den 25.April 2001.

Lieber Dirk, lange habe ich nichts von Dir gehört. Eine Aussprache ist mir aber wichtig. Ich will daher noch einmal an unsere Vereinbarung erinnern. Du hast mich ja gebeten, das Manuskript „Geleastes Leben“ von Job Mitch durchzusehen, der uns damals auf eher mysteriöse Weise ums Leben gekommen zu sein schien. Du hast sein Werk als zu gesellschaftskritisch und sozial unbequem eingestuft. Das Buch habe Deiner Meinung nach in dieser Form einen zu geringen Unterhaltungswert, um verkauft zu werden.   Deine Worten waren folgende: „Der Autor hat wohl die Postmoderne noch nicht erreicht, weil er mit seiner Erzähltechnik nicht um das Publikum wirbt. Die Leserschaft ist kein exklusiver Zirkel. Leser haben keine Muße, lange und besinnlich über Bücher nachzudenken, kreative Gespräche am Stoff zu pflegen oder Botschaften zur Veränderung ihres entfremdeten Alltags zu entschlüsseln. Als Profis müssen wir den Zwang der Leser befriedigen, schnell durch das Leben zu eilen. Vom Leser können wir nicht die Höherentwicklung seiner Persönlichkeit missionarisch einfordern. Hat sich der Faber im Krankenhaus wirklich geändert? Dass die Langsamen oder die verkappten Schnellen als Figurenreihe an die Macht kommen könnten, bleibt angesichts der Maxime „time is money“ ein Wunschtraum. Dass Literatur Erinnerungsarbeit am kollektiven Bewusstsein leisten könnte, ist doch trotz der Größen wie Böll oder Wolf eine Illusion. Dass für einen Autor im Katastrophenfall sogar die Semantik oszillieren und sich daher die Bedeutungen der Wörter aus dem lyrischen Romantikkomplex drastisch verändern können, können Leser von Blödzeitungen – und das ist die Masse - nicht nachvollziehen. Die Aufkündigung des Gehorsams von intellektueller Brotgelehrten gegenüber dem lauwarmen Hauptstrom des Establishments, verpackt mit metafiktionalen Bezüge, verunsichert doch Leser nur. Autoren sollten lieber die Vergangenheit fest betonieren, die Leser haben wollen. Wenn Autoren Wahrheiten aus eigenem Lebenssaft ausschwitzen, kennen sich die Leser doch nicht wieder. Stattdessen ist für uns „leben und leben lassen“ die Richtschnur. Jeder darf also im vorgegebenen Rahmen nach seiner Facon selig  werden. Seine Abweichungen vom Normalbetrieb sind so lange harmlos, wie sie die allgemeine Ordnung nicht stören und unterhaltend sind. Nimm Dir das Manuskript also in ruhiger Distanz vor, dann sehen wir weiter.“ Das war eine unmissverständliche telefonische Bitte. Ich habe meine zynische Antwort heruntergeschluckt und Dir zugesagt. Ich habe mir allerdings von Dir ausbedungen, mich nicht ständig mit Deinen typischen bohrenden Nachfragen zu nerven. Ich habe eben die Muße verlangt, die Paul LaFargue seinem Schwiegervater Karl Marx, den eine akne inversa an seinen edlen Teilen plagte und  daher wohl nur an den Bienenfleiß glaubte, immer wieder um die Ohren schlug. Daraus sollte sich ein abgerundetes Urteil wie von selbst entwickeln. Dabei sah ich mich nicht in der Rolle eines hoffnungslos gutmütigen Menschen, der nur das lieferte, was man von ihm erwartete. Wie so oft, weigerte ich mich daher, meine Entscheidungen in substantiellen Fragen reinen Nützlichkeitserwägungen unterzuordnen. So betrachtete ich auch die Freundschaft mit Dir nicht als ein Geschäft nach Leistung und Gegenleistung. Ich war daher guten Glaubens, Dir den Unterhaltungswert und die Verkaufbarkeit ernster Lektüre beweisen zu können. Schließlich kommen die „Klassiker“ quer zum Zeitgeist immer noch bei jugendlichen und erwachsenen Lesern an, wenn ich auch nicht gern dem ästhetisierendem Gesülze des heiligen St. Martini folge. Es gibt aber zudenken, dass sich Goethesche Kreuzreime für Rap-Vorträge eignen sollen. 

Zunächst musste ich mit dem Manuskript warm werden, um über Inhalt und Form befinden zu können. Das Durcharbeiten jedes Manuskripts ist eine Fleißarbeit. Meine umfangreichen Notizen zeugen davon. Zur Begründung meiner Einschätzung habe ich sie Dir zugemailt, bevor ich Dir das Ergebnis, knapp zusammengefasst, telefonisch mitgeteilt habe. Erinnere Dich: „Ich habe schon geahnt, dass es Dir nicht nur um Umstrukturierung und Aktualisierung geht. Du hast tatsächlich Ahnungen wie das zweite journalistische Gesicht. Es geht Dir wohl in erster Linie darum, eine mysteriöse Lebensgeschichte nachzuvollziehen und aufzuklären. Das Buch soll erst in zweiter Hinsicht die erzieherische Einpassung des Individuums in die menschliche Gattung oder biographisch in eine familiäre Generationenkette nachzeichnen. Offensichtlich ist es für Dich nicht interessant genug, wie jedes Gesellschaftssystem Kinder zu seinen flexiblen Mitgliedern macht. Höchstens interessiert Dich wohl, wer dabei am Ende als Sieger und wer als Verlierer heraus kommt. Ich benötige daher mindestens die finanziellen Mittel für ein Jahr für Recherchen und Gespräche. Vor allem den Schlussteil muss ich neu schreiben, einige Passagen sogar hinzudichten. Die fiktive Konstruktion der Schlüsselfiguren in diesem Spiel ist auch zu kompliziert. Warum können nicht wenigstens die Figuren im Vergleich zu ihren menschlichen Originalen im Leben sagen, was sie wirklich meinen! Man muss wenigstens in Büchern darüber reden, dass die V-Leute der Nazis die V-Leute des Verfassungsschutzes untergraben haben und daher bestens informiert sein könnten. Warum sich die verantwortlichen Politiker darüber wenig aufregen und stattdessen wieder das Gespenst „links“ in Gestalt der 68er bemühen, weiß ich noch nicht. Vielleicht, seit Deutsche in Terroristencamps von Al-Kaida  ausgebildet werden und hier Anschläge planen und durchführen? Das Gespenst des Misstrauens der Alten gegenüber den Jungen. Das war allerdings damals eher eine kleine Kulturrevolution als Politik. Ja, ein paar Intellektuelle waren politisch, indem sie distanzlos die Klassiker nachkauten. Und die RAF gehörte schon gar nicht dazu, macht sie gar nicht aus, das waren Kriminelle......Ich will den gesamten Stoff bis in die heutige Zeit verlagern und lasse Job Mitch die Lebensgeschichte seines ehemaligen Schulfreundes Paul Linaris zu Ende erzählen. Erst am Schluss, wenn Jobs Geschichte zu Ende ist, werde ich wieder das Wort ergreifen.“ Du hast mir damals mit der Einschränkung zugestimmt, ein vertretbares Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag anzustreben und mich vor allem an den Fakten zu orientieren. Mit diesem allgemeinen Maßstab hält sich das Verlagsgeschäft gern ein Hintertürchen offen. Du hast mir jedenfalls den Freibrief gegeben, das heißt das Budget für meine Arbeit. Fakten wie manche Krankheiten als Metapher, das, was jeder entsprechend seinen Interessen haben will?

Nach gut einem Jahr lagen dann die überraschenden Ergebnisse vor, die in einen völlig neuen Schlussteil mündeten. Sie ließen mich aber mit einer Reihe von unbeantworteten Fragen unzufrieden wie ein nachdenklich beobachtendes Männlein im Wald stehen.   Außerdem habe ich mir meine kritische Haltung nicht elegant entsorgen lassen, so dass wohl einer Deiner Kollegen bei sich lohnendem Bearbeitungsaufwand den  Unterhaltungswert des Buches wird steigern müssen. Der Verkauf freut sich immer darüber, der weürde sogar seine Großmutter verkaufen. Ich habe Dir das neue Manuskript also mit gemischten Gefühlen zurück geschickt. Meine ausführlichen Kommentare sollten daher vielleicht nur nach Art einer Straußschen Einnebelungsstrategie vom systemkritischen Potential im Manuskript ablenken.

Warum hast Du Dich nicht gemeldet? Wolltest Du erst Gras über unser Projekt wie über ein Vergehen wachsen lassen? Ich habe doch zunächst Euch Verlagsleute in Frieden gelassen, wohl wissend, dass wohl wieder personell Land unter war oder die Verlagsführung die Biographie eines von einem Ghostwriter geschriebenen Prominenten vorzog. Nach drei Monaten wurde es mir zu bunt. Schließlich hast Du es, mein Freund, doch eilig gehabt. Fast täglich versuchte ich dann, Dich zu erreichen. Dabei hätte ich doch wissen müssen, dass Du von Deinen festen Überzeugungen kein Jota abweichen würdest. Aber noch nie hast Du Dich mit internen Besprechungen oder Terminen außer Haus verleugnen lassen. Als ich es in meiner Not spät abends bei Dir zu Hause versuchte, ließ Dich Deine Frau unerreichbar in der Badewanne sitzen. Sie murmelte am Telefon etwas von einer Grippe im Anflug. Warum hast Du nicht offen und ehrlich Deine Meinung gesagt? Zwei Tage später hatte ich dann einen Brief von Dir in der Hand, in dem Du Dich für Dein feiges Verhalten entschuldigt hast. Es hätte nicht an Dir gelegen. Das Projekt läge leider auf Eis, Deiner Meinung nach sei es so gut wie gestorben. Nachvollziehbare sachliche Gründe konntest oder wolltest Du mir nicht nennen. Hätte ich mehr als Ausflüchte gehört, wenn Du mich einfach angerufen hättest?  Es lag eben auf der Hand, dass das Buch trotz der Faktenlage zu gesellschaftskritisch und politisch geblieben war. Darüber wolltest Du mit mir nicht mehr debattieren. Bist Du endgültig in den Mainstream der Gefälligkeitsliteratur abgesunken?

Ich bin durch die Bearbeitung des Stoffs, das zugrunde liegende Figurenspiel und die Informationen der Hauptfigur, die glücklicherweise die braune Gesockschaft überlebt hat, zu heiß geworden, um einfach aufzugeben und das Manuskript in der Schublade auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Das habe ich Dir ja in einem Brief erläutert. Weil ich wenig Hoffnung auf Einsicht hatte, habe ich mich vielleicht zu wenig um Sachlichkeit bemüht. Wenigstens konnte ich meinen aufgestauten Frust abreagieren. Das bedauere ich aber inzwischen, vor allem weil es um Anderes, Höheres geht. 

Ich kam wieder zurück in die Spur, als mir zufällig ein paar Werke Walter Mehrings wie die „Verlorene Bibliothek“ oder das Ketzerbrevier aus „Chronik der Lustbarkeiten I“ in die Hände fielen. Ich musste natürlich beiseite schieben, dass (wie Hans Sahl 1981 schrieb) „dieser geistvollste unter den Sängern einer sterbenden Republik, diese apokalyptische Spitzmaus mit den spitzen unerbittlichen Zähnen, beinahe anonym in einem Züricher Altersheim” starb. Aus der Auseinandersetzung damit ist ein fast zwanghafter innerer Dialog über unser Lieblingsthema, das Schreiben, entstanden. Als seriöser Profi ging es Dir dabei immer um die persönlichen Befindlichkeiten, Gefühle und Einschätzungen der Autoren, wie sie sich in ihren Figuren zeigten. Dir ging es nie darum, sich nach abgebrochenem Germanistikstudium in literarischen Quartetten zu tummeln und Deine subjektiven Eindrücke unter das Fernsehvolk wie absolute Wahrheiten zu streuen.

Ohne ein rückwärtsgewandter Kulturpessimist zu sein, hast Du oft beklagt, dass sich der Untertan, Spitzkopf oder Spießbürger á la “Marseillaise expressionistischer Revolte” nicht mehr total ins Privatleben zurückziehen kann. Alles, was scheinbar oder nicht  scheinbar von allgemeinem Interesse ist, ist total öffentlich geworden. Das Leben  gerät in der Spaßgesellschaft zur reinen virtuellen künstlich glitzernden Reality-Show auf höchstem Niveau medialer Unterhaltung. Vor laufender Kamera werfen die Scheinwerfer inzwischen ihr Licht auf die intime Lust. Das Internet hievt die letzten Intimitäten in die totale Öffentlichkeit, ermöglicht dem Privaten, wie im Wohnzimmer zu Hause die Hosen herunter zu lassen. Das Netz der Netze ist Online-Geschäftsfeld und Online-Spielwiese, demokratisches Informationsinstrument und totalitäres Desinformationsinstrument. Social software für social networking, personal blogs im web 2.0., ebooks, chatten bis zum Umfallen. Unerschöpfliche Informationsquelle für jedermann. Die heutige PC-Technologie beschert massenhaft effizientes Schreiben mit Textverarbeitungsprogrammen, lockt den Schreiberling weg von seiner Olympia oder dem Schreibpult. Manche Autoren lesen sich ja stehend ihre Texte selbst vor, um zu hören, wie sie klingen. Das elektronische Schreiben hat das Schreiben zu Fuß verändert, es werden andere Texte erzeugt. Wie sollen sie aber Leser erreichen, die nicht mehr lesen wollen oder können, sondern lieber mit ihren neusten Handys an ihren virtuellen Hüften andere mit inhaltlich belangloser und oberflächlicher binärer Kommunikation bis zur Besinnungslosigkeit erschlagen und sich selbst aus ihrem MP3-Player mit Musik voll dröhnen lassen! Es gilt wohl nur noch 0 = Schalter aus, 1 = Schalter ein, gierig dabei eSmog inhalierend. Demnächst die direkte Implantation binärer Logik per winzig kleinem Nano-Chip im Gehirn? Die Zahlensymbolik aus der Offenbarung lässt grüßen! Der soziale Autismus am Computer, der wirklich nur rechnen kann, ist auf dem Vormarsch. Menschen spielen ohne Grenzen und vergessen dabei, zur Toilette zu gehen oder zu essen. Das neue Ammagedeon ist, dass sich manche Süchtige in ihrem Zimmer bei herunter gelassenen Jalousien einigeln und nicht mehr nach draußen gehen können. Entzugskliniken für diese suizid-gefährdeten Sozialautisten, die am Computer hängen wie andere an der Flasche, haben sich schon längst etabliert. Jeder hat angefangen, für sich allein zu konsumieren. Die Werbung redet ihm das als individuellen Sinn seines Lebens ein. Wird sie ihm irgendwann nicht einimpfen können, dass es Sinne für ihn macht, aus Abgestumpftheit, Langeweile und Ekel vor der Welt wahllos seine Mitmenschen umzubringen?

Schriftsteller könnten solche ungelösten Probleme der menschlichen Existenz einfach durch ihr Leben jonglieren, als ob es fest dazu gehören muss. Dann verzichten sie auf ihr Glück und beginnen Sinn nur noch darin zu sehen, dass irgendwelche Medien unsere Be- und Gesinnung kloakenhaft absorbieren: nur noch geeignet als Transportmittel für Werbung. Es geht ja um Unterhaltung in Variation. Um Effekte zu erreichen, kann man sehr weit gehen. Mir ist eine Frau bekannt, die sich, weil sie bei Auftritten unter den Achseln zu sehr schwitzte, die Nerven unter den Armen von einem Schönheitschirurgen durchtrennen ließ und dafür einen Arm verlor.

Folge ich den Aussagen seriöser Literaturmanager, lebt der intellektuell gebildete Schreiberling wohl hoffnungslos unter Wilden, wenn er keine Unterhaltung absondert. Er soll also seiner inhaltlichen Botschaften entledigen und lernen, sich mehr oder weniger gnadenlos zu verkaufen. Duftnoten wie in Talkshows verbreiten oder in irgendwelchen ‚wölfischen’ Gemeinschaften glänzen? Dabei müssen doch Schriftsteller erst in einem zweckfreien Raum etwas für sich selbst zu tun, lernen, nach den richtigen Worten zu ringen oder sogar neue zu erfinden. Schreiben fällt einem nicht so einfach zu, wie schon Heinrich Böll bemerkte, ohne dabei frei nach Dylan Thomas dem Irrtum oder Zwang aufsitzen zu wollen, mit jeder Veröffentlichungen würde sich die Wirklichkeit verändern. Wie soll das möglich sein mit einer vokalloser Sprache für Kerbtiere? Der normale, d.h. nicht der in personality show von Literaturkritikern zum Genie erklärte Schriftsteller muss kleinere Brötchen backen. Er sollte z.B. lernen, dass die Aussagen der Texte mit Fallhöhe und Verkürzung dargestellt sind. Sind sie zu verklausoliert geschrieben, muss der Leser ständig die Intentionen herauslesen. Bei Lyrik macht das ja nichts, die muss ja fast unverständlich sein, um gut zu sein. Lektoren und Lyriker müssen sich wohl gut kennen und die Verlage viel Geld haben. Bei anderen Literaturarten, bei der sperrigen Satire auf jeden Fall, könnte der Eindruck entstehen, dass der Schriftsteller so verfahren muss, weil es schon so schlimm ist. Das muss er doch wirklich nicht, schließlich lebt er ja nicht im falschen Leben oder in einer Diktatur, in der die Freiheit des einzelnen hinter Gittern ist und daher unsichtbar.

Ich bleibe aber dabei. Lässt sich ein Schriftsteller nur auf Unterhaltung ein, weil eben Geschichten über Events in einem Einkaufspark, die Notwendigkeit zu lügen als Wert an sich oder fröhliches Durcheinandervögeln als Zeichen berufsmäßiger Emanzipation besser verkaufbar sind, entgeht ihm willent- und wissentlich, dass die Medien den Menschen sogar ihre Träume wie zugelassene Erinnerungen vorgeben. Systeme haben keine Moral. Darüber sollten wir zwei neurotisch verdummten Intellektuellen uns wie früher noch einmal wechselseitig Bälle unterschiedlicher Größe und Farbe zuspielen. Ich verstehe den Autor Job Mitch gut, weil er wie ich aus seiner Rolle als journalistischer Auftragsschreiber voll Neugierde und Tatendrang in die Rolle des Schriftstellers geschlüpft ist. Ich muss ja nicht wie er daran zerbrechen oder mein Schicksal herausfordern. Seine Hauptfigur Paul Linaris hat doch die schlechtere Karte gezogen und überlebt, wenn auch mit viel Glück und Hilfe von Freunden. Ich werde also nicht den leidvollen Anspruch verdrängen, mit meinen intonierten Figurenspielen dem Leser auch schlecht verkaufbare Botschaften vermitteln zu wollen und dabei mit meiner idealistischen Haltung zum Schillerschen Brotgelehrten zu werden. Heute würde er Bruchpilot heißen.Willst Du nur Höhenflieger verkaufen?........

Ich hoffe, lieber Dieter, dass Du meine Argumentation nachvollziehen kannst und Dich nicht angegriffen und zu Unrecht kritisiert fühlst. Du weißt, dass ich auf Dein fachliches Urteil immer Wert gelegt habe. Wir sollten daher nach meiner „Steilvorlage“ über das völlig überarbeitete Manuskript von Job Mitch noch einmal offen reden. Die notwendigen Recherchen dafür hat doch Dein Verlag bezahlt, dafür kann er doch etwas zurückverlangen. Außerdem gehört dieser Stoff unter Leser. Über Form, Stil und einige strittige inhaltliche Passagen können wir gern reden. Ich fürchte allerdings, dass Du nicht mehr willst, weil Dir die Hände von oben schon gebunden sind. Ich kann also nur auf unsere alte Freundschaft setzen. Tschüs Dein Erich.

P.S. Melde Dich aber bitte diesmal persönlich, auch wenn Du keine Chance siehst!“