Satire 5

Auswahl

aus © Michael Hesseler in: www.abraxas-magazin.de (Satireforum/Autorentexte)

Fritzchen auf der Phantasiereise nach Pisa *

Volks(v)erzieher von Staatswegen, die noch eine Zertifizierung in Form eines   ‚ArielNachweises’ oder eines sauberen ‚Arbeitsbuchs’ mit der richtigen Günstigkeitskennzeichnung oder eines Eintrags der Stillphase im Muttiheft mit den Bezug zur richtigen Partei benötigt hätten, sind völlig ausgestorben. Diese historischen Auslaufmodelle beleben nur noch die Dinosaurierforschung. Die soll vor kurzem herausgefunden haben, dass die Namen dieser Berufsgruppe wie bei der Abwicklung in der geschlossenen Gebärstation einer Unrechtsklinik verschlüsselt gewesen wären.

Fast ohne Vorbereitung können heute öffentlich bestellte, auserwählte Berufsgruppen sofort mit der verantwortungsvollen Verbreitung von Pisa beginnen. Brüsseler Spitzen haben dafür ein einfaches Ausbildungsprogramm im Suff aus dem Boden gestampft. Kernkompetenzen sind unauffälliges Streben nach Mittelmaß, Pflichtzwang, Unkenntnis des Wirtschaftslebens, Drohung mit Agenden, Blaumachen bei Widerstand, Scheu vor Risiken, ausgeprägte Hobbykompetenzen, strapazierfähiges Sitzfleisch, Neutralität gegenüber wichtigen Behörden, Schnorren von Vergünstigungen, Antriebslosigkeit spätestens ab 55 und Lebensgestaltung nach Zweck-Mittel-Kriterien.

Auch Fritz Mörtelmurks hat dieses Härte-Training auch  durchlaufen, seit er die      Sauerrahm-Alb verlassen hat. Er ist stolz darauf, zu den 5 % überversorgten Störchen oben zu gehören, die den 95 % Fröschen unten sagen, was zu tun ist. Ja, er passt zum lauwarmen Hauptstrom der Storchenkaste und handelt nicht mehr leichtfertig an der  Benachteiligung der Frösche vorbei. Ist erst einmal die individuelle Persönlichkeit    ‚enthauptet’, kann man mit den scharfen Spirituosen am Baum der Erkenntnis nichts mehr anfangen. „Die verlorene Bibliothek“ brauchen sich die Frösche erst gar nicht zu besorgen. Aus Schulen ist sie ohnehin verbannt, weil am ‚Naturgesetz der Ungleichverteilung von Machtchancen’, das die Störche über Tausende von Jahren den Fröschen vorgekaut haben, nicht gerüttelt werden darf. Sicherheitshalber werden immer mehr Menschen vom Lesen zum Konsum einhämmernder Bildmedien umgeleitet.

Die Politiker-Sonderschule hat Fritzchen auch befähigt, Kulturgüter wie Klo- oder    Zahnbürste an den richtigen Körperpartien zu gebrauchen. Zusätzlich weiß er, dass es wohl Europa gibt, Aids gefährlich ist, Humor schädlich ist, der EURO und die Wende gut sind, heimlicher Alkoholgenuss (Erfahrungen aus Vorstandsetagen folgend) unschädlich sein soll, Gesundheit dem Volk Geld kosten darf und die etablierten Parteien in Deutschland eine friedliche Revolution des Volkes für Demokratie verhindern. Außerdem kann Fritzchen schon selbständig Säle aufräumen, Flaschen einsammeln, Podien abwischen, Mikrofone ausrichten und Akten auf Anweisung zum richtigen Zeitpunkt schreddern. Pisa hat sich wie eine Epidemie gerade in öffentlichen Bereichen ausgebreitet. Die professionelle Handhabung von Brecheisen, Schlagringen, Kaffeemaschinen, Präservativen, Cola-Automaten, einarmigen Banditen, Messern, Bilanzen, Geldautomaten mit gefälschter Geld-Karte, das Fahren von Fluchtautos, die unauffällige Beschaffung von Drogen, Passfälschen für globale Geschäfte, das Knacken von Kennworten übers Internet sowie Soldat spielen für den Weltfrieden mit Aussicht auf anschließende Psychotherapie hat selbst die Landesvorbildminister überrascht.

Doch wer auf Kosten des produktiv arbeitenden und daher Steuern zahlenden Volkes am öffentlichen Tropf hängen will, muss viel mehr können. Das Funktionieren des     Wasserkopfes hängt von herausragenden Charaktereigenschaften wie Schleimen, Konflikte unter den Teppich kehren, Informationen zurück halten, skrupelloser Vorteilssuche und einer gottähnliche Autorität ab. Das Volk muss von A bis Z vor den Amtsträgern zittern und ohne Ruhekissen stundenlang auf einem schwarz-rot-goldenen Gebetsteppich niederknien. Es gibt kein Entkommen mehr vor den öffentlichen Gespenstern der Bürokratie, wenn ein Bürger erst seinen Namen deutlich in ein Kästchen von 0,3 Quadratcm inmitten einer DIN-A-4-Seite eingetragen hat. Wer hat ahnen können, dass sich aus der geschickten Bespannung von vier Holzbeinen mit Tuch so viel Gutes entwickelt.

Es ist ein dummes Vorurteil, dass abgebrochene Führungskräfte, so genannte       Halbleiter, heimlich in ihren Amtsstuben Schiffe-Versenken spielen würden. In Wahrheit müssen sie in ihren Mußestunden oder in Stoßzeiten innovative Formblätter ohne Ende entwerfen. Dazu zählen vor allem Arbeitsunlustbescheinigungen, variable Leistungsent- schuldigungsschreiben, Asylanträge für bayrische Staatsangehörige in Norddeutschland, Schutzimpfungen gegen kritisches Bewusstsein, Richtlinien für den Krankheits- und Todesfall vor Eintritt des eigenen Ablebens oder Ablaufpläne zum Schutz der Rechten vor der Gewalt demokratischer Bürger. Schließlich müssen die öffentlich Auserwählten nach dem Prinzip (Kraftlosigkeit x kleine Wege):(Zeit en masse) arbeiten, und dann noch gemeinnützig für ihr allgemeines Wohl. Seitdem verbreitet sich der Gebrauch des Wortes „wir“  - bisher nur bei der Wählertäuschung üblich - inflationsartig.

Wegweisend wird wieder die Verordnung zur Bestellung von Nachtwächtern zum Schutz von angesehenen Politiker  gegen Räubergesindel oder das Volk (Lippische Regierungskanzlei 1763, Rum LXVIII). Allerdings muss wieder schnell eine neue Verordnung zur Abwehr gewinnsüchtiger Hausanten her, da die fürstlich entlohnten Staatsknete-Empfänger immer dreister werden und durch den Hinzuverdienst bis fast zum Existenzminimum die Agenda 2010 hoch n gefährden.

Fritzchen macht, obwohl er es nicht mehr nötig hat, bis heute etwas für sich aus der Sackgasse schlecht erneuerbarer Karrierepfade. Nach Büroschluss überrascht er seine Verwaltungsfachleute mit neuen Berufsbildern wie Kunstfehler-Arzt, Schwarzhändler, Lauwarm-Installateur, Rechtsverdreher, Bestechungskünstler, Gewissensfluchthelfer Verantwortungslosigkeitsträger, Wissensmanager für Bilanzmanipulationen, Quotenjäger, Fußballfanberater, Super-Star-Gewinner, Luxusmüllsammler und Nestbeschmutzer. Nicht durchbekommen hat Fritzchen gegen die königlich-bayrische Staatsregierung den Begattungsoffizier bei Männerknappheit. Dabei hätten auch gute Leistungen im Blauhelmfall dann im Heimatland automatisch dazu befähigt. Wer hätte nicht gern im Erfolgsfall silberne oder goldene Knöpfe am Hosenschlitz oder sogar einen offenen bei Zeugung von 20 Kindern getragen, bei gleichzeitiger Grußpflicht aller Damen zwischen 16 und 50! 

Fritzchen hat diesen Misserfolg seelisch erst nach einem Jahr intensiver Dauerberieselung im Parteizentrum verkraftet. Als sein Selbstzweifel verschwindet und die Unfähigkeit zur Selbstkritik wieder die Oberhand gewinnt, ist er nicht mehr zu halten. Er lässt ein Preisausschreiben für öffentliche Zukunftsberufe in der Bevölkerung ausschreiben. Die Bürger lassen sich nicht lumpen. Für einen Arbeitsgelegenheits- EURO melden sie den Gammelfleischexperten, Medienoberflächentechniker, mobilen Diätenberater, Vorstandspekulationsassistenten, Psychotherapeuten für Vorteilsnehmer, Kurzweil-Däumchendreher, Notstandskassenforscher, Rückenverbiegungscoach, Gebückter-Gang-Helfer, Beerdigungshelfer, Opportunismus-Berater, Genmanipulator, Drogenbesteuerer, Comedy-Blödel, Arbeitsplatzerfinder, Wahl-Heilsbringer, Juristen-Neutralisierer und Gleichbehandlungszerstörer. Ja, Fritzchen ist das Landesbedienstetenkreuz von Pisazien sicher.

(2) Seilbahnen für die ‚große Volksverwirrungsvereinigung’ (aus © Michael Hesseler in: www.abraxas-magazin.de, Satireforum/Autorentexte) **

Der Bürger muss es einfach wissen. Der neue deutsche, d.h. nicht angelsächsische     Oberflächenjournalismus macht vor nichts halt, noch nicht einmal davor, sich jeden Tag mit dem lieben Engelchen Barbie D in den lauwarmen Hauptstrom zu stürzen. Ihr Lob ist jenen Gesinnungsschreibern wert und teuer. Gehört man dagegen dem Berufsstand neurotisch verdummter Intellektueller an, kann man nur ein etymologisches Lexikon bedienen. Dann weiß man eben, dass cancelli die Bedeutung von "Gitter, Schranken" hat. Nur so kann man darauf kommen, dass es sich bei der Politik von Barbie D um eine Beschränkungsoffensive handelt. Ihr Ziel ist es, die Bewusstseinstrübung  durchzusetzen, dass es den wenigen Störchen gut geht und die vielen Frösche Abstriche machen müssen. Das gemeinsame Erfolgskonzept bleibt der Opportunismus, mit dem Ergebnis, dass die einen unten und die anderen oben bleiben. Das hält auch die große vor sich hin strauchelnde Reformbegradigungskoalition zusammen. Zukunftsweisende Konzepte geraten daher leicht aus dem Blick. Also endlich ran an das Seilbahngesetz, damit die große Volksverwirrungsvereinigung nicht platzt. Wer will das schon! Selbst ein Volk nicht, das - laut Pisa - nur Telefonbücher lesen und Postkarten aus Mallorca schreiben kann.

Schon viele bekannte Journalisten wie z.B. Abraham Hahnenlieb haben zur Freude der Seilbahnbranche ausführlich über das wunderbare europäische Seilbahngesetz von 2003 berichtet, das auch ärmere Bundesländer bei Strafe von 500.000,- € haben ratifizieren müssen. Seitdem liegt das Gesetz leider brach, weil der Alternativjournalismus nichts darüber hat veröffentlichen dürfen. Jetzt ist der Druck schon ziemlich stark, denn der Klimawandel legt beim vorhandenen Technologiestand jetzt auch die Anwendung des Reformkonzepts im Sommer nahe. Die Geographiekenntnissen der in den zuständigen europäischen Einrichtungen vor sich hin Werkelnden – möglicherweise Leser von    Volksblödzeitungen - machen den Rahm also nicht mehr fett. Um Seilbahnen in Schneegebieten der Sahara wird es aber wohl nie gehen können. Die Umweltforscher meinen zu wissen, dass es dort nicht schneien kann. Man sollte aber sicherheitshalber noch seine Großeltern fragen, da unabhängige Forscher ja auch von Aufträgen leben müssen. Oder kann ein normaler Bürger den Weltklimabericht bei ihnen schon beziehen, ehe er auf Druck der größten Nation ‚voms Welt’ begradigt und verschönert worden ist!

Aus Sicht des Großeinzahlers Deutschland erschließt sich der Sinn des Seilbahngesetzes schon allein aus den bisher gewonnenen Erfahrungen in  der Europa umspannenden   Logistik. Die europäische Hauptversammlung darf sich ja auf Wunsch einer hier nicht näher benannten Nation einmal im Monat mit Mann, Maus, Sekretärin, Lebensabschnittsgefährten, Steuerberatern und Büros in Container verladen und in die Alternativ-Hauptstadt umziehen. Die flächendeckende Umsetzung des Seilbahngesetzes würde also gut zu diesen Gewohnheiten passen.

Kritiker müssen sich nicht leichtfertig an ihre Stirn tippen und laut „Wieder ein      Parkinsonsches Gesetz“ schreien. Die Schönwettervorsteherin will doch nicht die Umwelt, sondern nur die Bürokratie stetig abbauen. Dieser soziale Selbstversuch dürfte aber erst ab 2090 greifen. Die Anwendung des Seilbahngesetzes würde aber schon heute Wachstumsimpulse setzen und die bestehenden verstetigen. Schließlich kann man dabei mit Erfahrungen aus halbwegs durchgerechneten  Großprojekten hausieren gehen. Die ziehen ja im Erfolgsfall automatisch viele kleinere Projekte nach sich, wie Wirtschaftsberater und auch ehemalige Repräsentanten von Wirtschaftsministerien, nachdem sie Projekte in den Sand gesetzt haben. Aufgefallen sind z.B. Hightech-Toilettendienste in touristischen Durchfallgebieten. Von falschen Prognosen wie 2,67890 Mio gefühlter Besucher pro Jahr darf man sich dabei nicht irritieren lassen. Sie müssen ja nicht ans Licht kommen, weil wohlmeinende Bekannte, Parteifreunde oder Kollegen an den Investitionsentscheidungen mitgewirkt haben. Zur Not kann der Misserfolg, der nie so heißen darf, zu einer Ausgabe mit Dunkelziffer umgewidmet werden. Auch wenn es nur wenige Studierte merken würden, darf diese Ausgabe auf keinen Fall einfach der Einnahmenseite zugeschlagen werden.

Mit dem Seilbahngesetz kann eine in der politischen Mitte frei schwebende große Volks- verwirrungsvereinigung punkten. Entweder erreicht sie gekonnt den Wechsel zum    Gleichen wie vorher oder sie erreicht nachhaltig den Erhalt des Nicht-Wechsels. Diese Alternativen verstehen auch informierte Wähler, die zusätzlich durch Demokratieteilnahmeprämien als Hinzuverdienstmöglichkeit motiviert sind. Schließlich soll diese Vereinigung ja Demokratie als zweitbestes politisches System der Welt nicht abschaffen. Die besondere Form der Herrschaft im Gewande der Demokratie soll doch nur eines gewährleisten: Jeder darf zwar frei wählen, aber nur die wenigen Störche haben zwischen zwei Versammlungswahlen etwas zu sagen. Gingen dagegen die vielen Frösche, um politischen Druck auszuüben, nicht mehr zur Wahl, könnten sich dann die 5 % Störche gleich selbst wählen. Dann hätten wir eine Art Diktatur, von der man ja heute wirklich nicht reden kann. Wenn die Gewählten im Namen des Wahlvolkes mehr oder weniger entscheiden, was sie wollen, ist das etwas Anderes.

Die immer an der richtigen Stelle lächelnde Vorsteherin der Beschränkungspolitik, Barbie D, hat die Zeichen der Zeit erkannt und läutet das Zeitalter der Seilbahnen ein, in allen Räten und Gipfeln kann sie ja fast alles eloquent moderieren. Eine Opposition gegen das Seilbahn-Großprojekt muss sie nicht fürchten. Die große Volksverwirrungsvereinigung ist wirklich ein Glücksfall. Natürlich werden gute Konzepte kritisch beleuchtet. Das gehört zum funktionierenden Spiel Demokratie dazu. Wer aber behauptet, der erdrückende Konsens der beiden großen Volksparteien zum Seilbahngesetz (zusammen noch größer als die Partei der Nicht-Wähler) würde Deutschland schaden, lügt dreist. Oder halten sich die vollmundigen Kritiker schon für so gut informiert wie die 8 % gut Informierten, die nichts zu sagen haben! Dass nächtliche Seilbahn-Sonderfahrten für uniebsame Oppositionspolitiker auf einer Nebenstrecke zur nächsten ‚Mülldeponie’ heimlich eingeplant würden, ist eine Zeitungsente.

Das Programm muss also nur gut gegen die Schlechtredner von links oder rechts    moderiert werden. Den medialen Showkampf beherrschen Politiker, vor allem, wenn sie sich zusätzlich Kompetenz anlesen oder sie sich soufflieren lassen. Das Volk, das angeblich herrschen soll, lässt sich durch ein Demo-Video mit plastischen Animationen begeistern. Das Demo simuliert, einprägsam wie das Ampelmodell an einer Großkreuzung, die Beförderung engagierter Parlamentarier per Seilbahn vom höchsten natürlichen Punkt der jeweiligen Hauptstadt ins Regierungsviertel. Was „Frontalgegen2010“ dazu recherchiert hat, entbehrt dagegen jeder Grundlage. In Wahrheit werden die Kapazitäten vollständig ausgenutzt, weil die meisten Volksvertreter morgens nüchtern sind und Bock auf Politik haben. Die Boulevardpresse liegt völlig daneben, wenn sie behauptet, die Politiker würden ungern aus ihren gemischt oder gleichgeschlechtlichen Schlafburgen anfahren. Dabei ist es doch eine Ehre, dem Volk zu dienen. Das meint auch Barbie lächelnd.

Endlich fahren Seilbahnen die Bundesländer herauf und herunter. Selbst den Sommer haben die Landesfürsten nicht ausgespart. Die Wirtschaft brummt und boomt                landesweit, in den Seilbahnbetrieben, im Bausektor, im Tourismus. Eine unübersehbare Masse an Arbeitsplätzen entsteht in den Entwicklungsgebieten. Der Bau von Hotels mit angegliederten Restaurants, Massagesalons, Vergnügungsetablisments, Spielcasinos, Medientempeln, Supermärkten, Fitnesscentern, Krankenhäusern und Tankstellen für Millionen auswärtiger Gäste und Besucher leistet einen wichtigen Beitrag dazu. Fortschritt ist eben ein interessanter Event, ein Unterhaltungsprogramm, das neugierig macht. Je mehr dabei die Natur verändert wird, desto schneller wird das Projekt zur Kunst = (Natur minus X) hoch Vitamin B. Praktisch kann das bedeuten, ein oder zwei Berge oder sogar ein kleines Gebirge für Seilbahnen aufschichten zu müssen. Dreck für die Berge gibt es überall; von den Arbeitskräften muss man gar nicht erst reden, die machen heute fast alles. Selbstverständlich stellt ein Innovationsprogramm sicher, dass sich Länder oder Gemeinden, in denen es nicht oder selten schneit, in den Schneeüberflussregionen diesen Zukunftsstoff massenhaft beschaffen können. Länder unterstützend wirkt die subventionierte Farbenwahlfreiheit für Seilbahnen. Der neue Geist des Föderalismus, den wohl China für sein Stadt-Landgefälle übernehmen wird, kann dadurch gewürdigt werden, dass in der Nationalhymne eine neue Strophe über den harmonischen Gleichklang eingefügt wird.

Offensichtlich ist aber Umwelt nicht käuflich, was seit ca. 30 Jahren bekannt ist, wenn die verantwortlichen Umweltsünder dies auch verdrängt haben. Nur heute ist das Ende der Fahnenstange erreicht: Die Umwelt spielt nicht mehr mit. Wenn das Klima völlig umgekippt ist, muss man sich dann eben den Schnee im Himalaja besorgen, noch viel später auf dem Mars. Künstlicher Schnee ist zu teuer, wie Barbie D nach Besuch eines längeren berufsbegleitenden Seminars über Wirtschaft begriffen hat. Dass  globales und galaktisches Wirtschaften nicht stinkt, ist ihr schon in die Wiege gelegt worden. Und da es nur ums Geld geht und danach erst um alle Menschen, tut sich die Leiterin des Beschränkungsamtes schwer, mit den wenigen Menschen in der Automobilindustrie – den Shareholder-Value-Bossen - das richtige Wörtchen zu reden.

Der konjunkturelle Aufschwung, der die Regierung im Schlaf überrascht hat, muss        genutzt werden. Die große Volksverwirrungsvereinigung hat daher den wertvollen Beitrag des Seilbahngroßprojekts für die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts in die europäische Metropole gemeldet. Mittel des europäischen Länderverschönungsfonds fließen wohl bereits. Eine neue Rumpf-Abteilung des Beschränkungsamtes wird sie bei heruntergelassenem Gitter für die Arbeitnehmerüberwachungsagentur weiter verwalten. Die begnadete heilige Allianz von kompetenten, leistungsbereiten und leistungsgerecht entlohnten Volksvertretern hat die Agenda 0815 dafür längst geschaffen. Die Umwandlung der Arbeitsgesellschaft in eine Arbeitsgelegenheitsgesellschaft ist fast abgeschlossen, sie wird nur noch durch den Aufschwung leicht abgebremst. Das Seilbahngroßprojekt als nationales Pflichtprogramm wird also billige arbeitslose Bürger für einen Zumutbarkeits-Euro pro Stunde massenweise einspannen und sättigen können. Dass einige schon lesen, schreiben und rechnen können oder hochqualifiziert und alt sind, stört dabei wenig. Aufmucken hilft nicht und wird geahndet. Außerdem zieht das Argument, dass diese Jobs zur nationalen Ehre gereichen. Schließlich erhalten die Betroffenen kurz vor ihrem - durch den zentral bewilligten Hungerlohn mit beschleunigten - Ableben noch eine individuelle Aufstiegschance.

Eine Humanisierungschance, die vor dem Betteln um Almo- sen wirkungsvoll schützt, haben auch die vielen Gewerkschaftsvertreter in der Jahrhundertreform erkannt und  deswegen in der deutschen Verordnetenversammlung dafür gestimmt. Jeder kann seinem individuellen Gewissen bei Abstimmungen folgen, muss es aber nicht. Die Länder und Gemeinden sind auch glücklich, weil jetzt Arbeitslose die Drecksarbeiten preiswert leisten, die keiner übernehmen will. Männer buddeln und fegen, Frauen putzen und kochen, und vieles mehr als Anreiz. Vollarbeitsstellen oder Qualifizierungsmaßnahmen würden nur die öffentlichen Kassen belasten. Außerdem bestätigen Falls-Mal-Arbeit-Da-Ist-Manager, dass wirkliche Fördermaßnahmen die Klientel überfordern. Arbeitslose sollen ja nicht zu frieden werden und zu viel  nachdenken, sondern arbeiten. Ihr Einsatz in Seilbahnprojekten bietet eine Chance dazu. Arbeit in den mittleren bis unteren Rängen der Gesellschaft muss weder Spaß machen, noch leistungsgerecht entlohnt werden. Im „Prekariat“ muss sie nur billig sein. Das ist eben der Unterschied zur Unterschicht, wie diese Gruppe geistig verwirrte Soziologen in den 60er Jahren genannt haben sollen. Damals sollten ihre Mitglieder höher qualifiziert werden, um einen qualitativ höherwertigen und besser bezahlten Job zu erhalten. Aber, jede Regierung will nur das Beste. Das ist immer das, was geht und sie will.

Auch aus Sicht der christlichen Sozialethik sind ja Ein-Euro-Jobs ein gutes Werk.      Deswegen nimmt Barbie D ihren Beisitzer auch in Schutz. Die Arbeit in Seilbahnprojekten habe nichts mit dem Artikel zur freien Berufswahl im politischen Leitbildgesetz (z.B. öffentliche Dienstleistungspflicht wie in Kriegszeiten) zu tun. Wer das behaupten würde, würde Arbeitsplätze gefährden. Ein-Euro-Jobs sind im Vergleich zur Arbeit unter Mindestlohn nicht unsittlich. Die unauflösliche Einheit von Arbeit und Würde, wie es ein Artikel dieses Leitbildgesetzes behandelt, ist wohl (noch?) nicht zerrissen. Irgendein Satiremagazin soll aber geschrieben haben, Ein-Euro-Jobber wolle man wieder aus logistischen Gründen in Arbeitscamps nach Art der alten Arbeitslager für Freude zusammenfassen. Das ist ein gefährliches Planspiel. Arbeitslose haben ja schon lange nicht mehr Autobahnen gebaut, damit Panzer schnell an die Front rollen können. Der Besitzer kann das gerade nicht ernst nehmen, weil er sich gerade auf die überraschende Gegenkandidatur in seiner Mutter-Partei vorbereitet. Sicherheitshalber hat er aber dem Leiter für innere Angelegenheiten eine Online-Überwachung empfohlen. Die lokalen Arbeitslosendisziplinierungsleiter haben in ihren Ressorts damit bei der Abwehr von Antragstellern gute Erfahrungen gemacht. Es ist aber einfach gelogen, dass Sachbearbeiter im Zuge der Sicherung ihres Arbeitsplatzes gegen  Prämien gern mit gemacht hätten, wie einschlägige Gewerkschaften nicht verlauten lassen. Die Kollegialität hört eben beim eigenen Nutzen doch nicht auf!

Ein-Euro-Jobs in Seilbahnprojekten wie z.B. Erde bis zum Umfallen schaufeln sind leit- bildkonform, weil sie die Persönlichkeitsentwicklung auch bei Promovierten fördern. Ein ehemaliger hoch qualifizierter älterer Geschäftsführer darf also durchaus in der Nähe des Herrenhauses eines gut versorgten Politikers Steine klopfen. Auf seinen Spaziergängen kann der Jobber diesem sogar kostenlos wirtschaftliche Ratschläge erteilen. Die  Mitwirkung am Bau von Seilbahnen fördert also die Würde von Menschen, weil sie sich dann weder als geistig Verwirrte, noch Hungerlöhner von Staats wegen fühlen müssen. Diese Jobs führen zumutbar dazu, dass Arbeitslose nicht mehr zu Hause versauern und an ihrem Ersparten knabbern oder sogar ihren heimlich versteckten Reichtum sinnlos ausgeben. Das ist das Prinzip „Von anderen Fordern“ und „Sich Fördern.“ Besser lebenslänglich so und das Rad neu erfinden, als nur auf Tagungen lebenslang zu lernen oder angeblich noch gebrauchsfähiges Wissen weiter anzuwenden.

Jetzt könnte natürlich jemand einwenden, die Arbeitslosenquote wäre statistisch gesun- ken oder würde sogar ins Bodenlose gegen Null sinken, weil die Konjunktur endlich    angesprungen sei. Und dann gebe es ja auch keine Nullrunden mehr und der Mindestlohn würde kommen. Ja, das Paradies ist bei zunehmender Schere zwischen Arm und Reich fürwahr ausgebrochen! Den wenigen Störchen ist es immer gut gegangen und, wenn es dann noch ein paar Menschen zwischen denen oben und denen unten besser geht, muss keiner mehr über die vielen am Rande des Existenzminimums und darunter reden. Da man eben nur der Statistik glauben darf, die man selbst gefälscht hat, können das in grauer Zukunft einfach nicht ca. 40 % der Bevölkerung ganz unten sein! Was soll’s! Von der Qualität der Arbeit redet schon längst keiner mehr. Die Erinnerung daran hat wohl das moralische demokratische Bewusstsein endgültig verlassen.

 

* Hierfür konnte ich Materialien (z.B. Formblätter, Karrikaturen etc.) meines viel zu früh verstorbenen Freundes Hans-Ulrich Caliebe verwenden.

Vielleicht hielt er so viel von kompetenter Führung und Organisation, wie er wenig von übertriebener Verwaltung und Pseudoführungskräften hielt. Damit will ich aber nicht    sagen, dass er mit dem Inhalt meiner Satiregeschichte einverstanden gewesen wäre. 

** ‘Mal geschrieben für einen Literaturwettbewerb (Thema war Bundestagswahl)