Satrie 5

Auswahl

(1) Gähntechnik macht’s möglich

Das Ministerium für Ernährungskultur, landwirtschaftliche Duftnoten und      Verbraucherbekämpfung hat sein Vielfältigungsprogamm optimiert, mit dem auch die Interessen der öffentlich gut mit Steuergeldern Beatmeten konform gehen. Daher hat das Ministerium dem Versammlungstag einen revolutionären Gesetzesentwurf zur ‚Neuordnung der deutschen Gesellschaft auf natürlichem und unnatürlichem Wege vorgelegt. Mit den Stimmen der großen Volksharmonisierungsvereinigung hat die Versammlung heute das Gähntechnikgesetz und die Verordnungen verabschiedet. Die Opposition war derweil im Sommerurlaub. 

Worum geht es in dem Gesetz wirklich, sofern es ein Normalbürger, der weder juristisch, noch naturwissenschaftlich ausgebildet ist und nur das PISA-Zertifikat erworben hat, überhaupt versteht! Dem Kern nach zielt es darauf, mit Hilfe von aus dem Ausland eingeflogenen Spitzenforschern schrittweise zwei besser zueinander passende Klassen von Menschen in diesem unseren schönen Land zu schaffen. Die eine Klasse soll aus reinen humanbiologischen Produkten bestehen, an denen nichts genetisch manipuliert werden muss. Ihre Angehörigen sind von Natur aus die üblichen Reichen, Die-Soziale-Ungerechtigkeit-Nach-Oben-Verteilungs-Politiker, die Probleme verwaltenden Beamten, Staatsdiener und die Besitzer von unbefristeten Arbeitsplätzen. Also Herrschende und Herrschaften. Diese kleine Gruppe oben, die selbstlos nur das Wohl der Allgemeinheit im Auge hat, bestimmt das  Leben der anderen Klasse, der vielen Frösche unten, und lebt selbst sehr gut davon. Damit das so bleibt, muss diese Klasse angemessen gähntechnisch bearbeitet werden. Da ist nichts Schlimmes, auf keinen Fall Manipulation, sondern bedeutet nur eine deutliche Glättung, Verbesserung und Beseitigung der die Störche störenden menschlichen Eigenschaften unten. Eine interne Arbeitsgruppe des Innenministeriums, das vor kurzem die Online-Meinungsfreiheit neu definieren konnte, hat die Eigenschaften, die in Frage kommen könnten, dem Landwirtschaftsminister mit einer umfassenden  Empfehlung zugearbeitet. Nach mehreren Nachtsitzungen ist die Task Force zu einem Ergebnis gekommen. Sie hat folgende in deutschen Landen nicht ganz unbekannte Tugenden auf den schwarzen Index gestellt: Oppositionsgeist, Mut zur Kritik, konsequentes Pochen auf demokratische Rechte, Zivilcourage und Mitmenschlichkeit, politisches Bewusstsein, Solidarität, höhere Bildung, Streben nach vergleichbarer Entlohnung von Leistungen, Individualität, mangelnder Opportunismus, Risikobereitschaft, Initiative, fehlendes strapazierfähiges Sitzfleisch, Besserwisserei gegenüber den Behörden, inflationärer Gebrauch des Wortes Nein, mangelnde Bestechlichkeit,idealistisches Weltverbesserertum, nicht ausgereifte materielle Gier und mangelnde Unterwürfigkeit.

Der Forschung und Entwicklung muss man aber noch Zeit lassen, bis ihre Ergebnisse greifen. Damit dem Volk in der Übergangszeit das Machtgefälle nicht auffällt, bieten sich zwei Maßnahmebündel an. Abstandsregeln sorgen dafür, dass sich beide Klassen nicht so nahe kommen, dass sie sich gegenseitig schaden könnten. Wenn Störche und Frösche auf ihrer Straßenseite bleiben, können vor allem die vielen Frösche den wenigen Störchen nichts tun. Dieser Abstand reicht aus, weil Menschen nicht wie Bienen kilometerweit herumfliegen oder Automobile unkontrolliert durch die Landschaft fahren. Außerdem bieten die Störche Bildung für alle an und reden den Fröschen ein, sie könnten in die erste Klasse aufsteigen. Da keine gleichen Bildungschancen existieren, ist gewährleistet, dass nur wenige Begabte aus der zweiten Klasse aufsteigen können. Im Vergleich dazu werden die Unbegabten aus der ersten Klasse durchgezogen. Ihre Angehörigen verdienen im Vergleich zu denen aus der zweiten Klasse mehr und leben (besser krankenversichert, ernährt und mit höherer Rente/Pension ausgestattet) länger.

Haben sich dann die Gähne der Frösche im Zuge vermehrter öffentlicher Impfungen an die sozialen Gegebenheiten evolutionär angepasst, dient das Volk ohne mentale Ablenkung und Aufmucken willig den Störchen. Das nennt der zuständige Minister, der sich ja mit Lebewesen auskennt, Koexistenz. Die Störche sind sich natürlich bewusst, dass diese neuen menschlichen ‚Organismen’ anständig angemeldet werden müssen. Die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik gebotenen Sicherheitsstandards müssen auch auf sie angewandt werden. Nicht gähntechnisch manipulierte Beamte, die schon von Natur aus so sind, müssen daher alles, was nicht regelkonform ist, beobachten und dokumentieren. Zu diesem Zweck muss man auch wieder auf Beamte zurückgreifen, die noch schreiben können. Stellt sich dabei heraus, dass Frösche  unsauber gähntechnisch manipuliert worden sind, sie also noch nicht hundertprozentig funktionieren, muss das streng geahndet werden. Falls Kontrolle und Vorsorge im Sande verlaufen sind, entsteht „Schadensersatzpflicht für Schäden infolge von gähntechnischen Arbeiten als Gefährdungshaftung.“ Sogar Geld - oder Freiheitsstrafen sind zu erwarten, wenn Arbeitgeber Mängel in der gähntechnisch manipulierten Ware „Arbeitskraft“ melden.

Selbst die Gefälligkeitsmedien, die doch so gern die Realitätsoberfläche bearbeiten, um den kollektiven Erinnerungsverlust zu beschleunigen, hat der innovative Zukunftsbezug in diesem Gesetzeswerk völlig überrumpelt. Wer aber schon in Folge von Längstschnittstudien mit der Arbeitsweise von Politikern vertraut war, konnte nichts mehr erschüttern. Er ahnte, dass hier Großartiges das Licht der erstaunten Welt erblicken würde. Schließlich hat doch eine Art Kanzler selbst seit Beginn der Amtsperiode diesen Problemlösungsfall im stillen Kämerlein und draußen in der Natur geübt. Als physikalisch Ausgebildeter hat er nämlich einfach einen flachen Stein ins Wasser geworfen und zugesehen, ob und wen er, wann, wie oft anspringt, und einfache Schlüsse daraus gezogen. Der Rest ist Geschichte eines Gedankenspiels....

 

(2) Es gibt einen Traum (aus: Gedichtband © Michael Hesseler, Wie Panierte Gräten, ab 1975) 

Der Trend ist dein Freund

oder dein Feind.

Das macht nichts in einem Jägerclub,

zu dem keiner gehört,

der den Fleischverzehr ablehnt.

Hauptsache, du wirst nicht so dünn,

dass dein langes Weinen

einem Rohrbruch gleicht.

Welche Alternativen bleiben denn!

Geige wie ein fur... Bettpfosten spielen?

So kräftig einer Kuh in den Hin.... blasen,

dass sich ihre Hörner aufrichten?

Da wäre es doch leichter,

mit Elan in den Krieg zu ziehen,

um wie mit einer Motorsäge Seelen zu zerschneiden.

Ja, Zweifel ist das Leid des jungen Entwerters.

Als Ausweg bleibt ihm nur die Phantasie,

aus allem eine TV-Sendung zu kreieren.

Wer sollte wohl wegen niedriger Einschaltquoten

vor dem Aufnahmestudio erschossen werden!

Es ist ja nicht das Evangelium,

das falsche Leute verkündigen.-

Eines wird keiner ändern können.

Wo Geier sind, ist das Aas nicht weit.

Und vice versa.

Wie wird es sein, wenn jemand geht?

Heißt das nicht, die anderen sind weg?

Doch die dürften wohl sehen,

dass er nicht mehr da ist.

Für welche Seite des Grabens auch immer

ist jeder Tod ein Weltuntergang.

Wir können es nicht wissen.

Tödliches Missverständnis, die wahren Waffen von Jesus zu kennen,

in ein romantisches Zeltlager für höhere Intellektuelle zu ziehen und

dort neben dem Brotbacken Granaten für den Widerstand  zu bauen.

Du bist kein Pseudo-Jesus, also Che Guevara mit Knarre. 

Nur Kulturrevolutionäre können dies wie Sprachhülsen

Säuglingen ideologisch einimpfen.-

Man muss nur eins wissen,

irgendwann hört die Abrechnung der Jungen mit den Alten auf,

weil diese jene angeblich nicht genug beschützt hätten.

Der soziale Frieden kommt nur auf leisen Sohlen,

es sei denn ein politischer Würderträger ruft die

gottgwollte Ungleichheit unter Menschen aus.

Gewaltloser Widerstand, Dienst nach Vorschrift?

Gleichgültigkeit und massenhafter Gleichmarsch?

Pardoxes Zusammenwirken der privilegierten Machteiite oben,

mitsamt den satten Politikern schaffen den Rahmen,

damit die wenigen Mächtigen , und den vielen Ohnmächtigen unten.

Ja, soziale Gerechtigkeit als verbales Lippenbekenntnis.

Ganz heimlich, mit wohl gesetzten säuselnden Worten, kommt ein

Spieltheoretiker des Weges und errechnet,

dass kollektive Bedingungen für soziale Gleichheit

zu mehr individueller Ungleichheit führen.

Fördern die Sicherung von Boni (neben Gehalt, Abfindungen) und die Auszahung von Dividenden an die Kapitalgeber in verlustreichen Zeiten durch die Steuergelder der Bürger den sozialen Frieden?

Oder sollte man die Verantwortlichen für die Finanzkrise nicht endlich zur Rechenschaft ziehen, wäre das nicht ein Demokratienachweis?

Vielleicht bleibt uns nach der Einäscherung der Traum,

dass wir irgendwie und irgendwann auch dazu gehören,

wenn sich Hirn, Herz, Körper mit dem All vereinen.

(3) Das Krokodil (aus: Gedichtband © Michael Hesseler, Wie Panierte Gräten, ab 1975)

Das schön gewachsene Krokodil

liegt in einem sumpfigen Wasserloch,

weit unten am langen Nil.

Noch

lebt es.

Da kommt ein starker Jäger des Weges,

schleicht sich heran und erlegt es.

Voll mit edlem Blut

wird das Wasserloch dunkelrot.

Bald wird es verarbeitet zu einer Tasche

für eine alte reiche Londoner Tante.

Tier kostet heute sehr viel Geld.

Und dafür verließ das arme Krokodil die Welt!