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Gedankensplitter zur Sinnverweigerung
„…Sehr viele Höllen kamen noch. Die Freiheit, Kinder, die kam nie. Die Zeit vergeht. Doch kämen jetzt die Himmel Die Himmel wären ohne sie…“(© Bertolt Brecht, Hauspostille, erschienen 1927, S.15 ff.).
Logische Erklärungsversuche für Macht sind meist Ergebnis zahlenlastig-rationaler Kulturmuster. In denen ist offiziell kein Platz für Paradoxien als Kitt sozialen Lebens und für ein die Sicherheit gefährdendes Absurdistan: Obwohl das soziale Leben immer paradoxer und absurder wird. “Logiken” als Grundlage für Botschaften helfen Schriftstellern nur partiell weiter, weil sie Teil des Problems sind und es rational zementieren. Spirituelle Werte bilden nur das irrationale i-Tüpfelchen davon. Eine ideologiekritische Haltung und die Beschäftigung mit Ent- und Verfremdung bringen vielleicht weiter.
Woran sollen sich denn Schriftsteller orientieren, wenn sie nicht einfach ‘drauf los’ schreiben wollen und dabei auf den geistigen Irrweg verzichten, ‘Autoren von Systemen’ zu sein? Was sie zunächst brauchen, ist eine andere Arbeitskultur als die eiserne Pflicht zur Arbeit als Mühsal. Für Schriftsteller ist Arbeit eine schöpferische Befriedigung eines erfüllten Daseins.
Viel zu viele Menschen leisten noch unqualifizierte, schlecht bezahlte und belastende Routinearbeit, obwohl Technik fast jede Routinearbeit automatisieren kann. Leider bleibt aber schöpferisch-kreative Arbeit nur eine Randerscheinung für wenige. Die entfremdende Arbeit der vielen Frösche (bis zur modernen globalen ’Sklavenarbeit’), die heute sogar immer mehr Menschen arm macht, dient - direkt oder indirekt - vor allem dem Vorteil weniger Störche. Menschenunwürdige, mit den Grundrechten nicht konforme Arbeit hat in den Ein-Euro-Jobs ihren evolutionären Zenit erreicht.
Schriftsteller sind von daher gesehen fast schon privilegiert, wenn auch meistens nicht im materiellen Sinne. Ihnen darf ‘das oben’ sozusagen noch auffallen. Wie sagte doch © Ottokar Wirth von Hanser über © Paul Lafargue,“Le Droit á la paresse, Réfutation du «Droit au travail» de 1848” (1880, deutsch: “Das Recht auf Faulheit: Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848”,1887): “In der Muße, im Spiel, im Träumen und Meditieren beginnt die Freiheit der Phantasie, die eigene Wege geht und Alternativen ausdenkt, die sich betrachtend neben die Realität stellt und über sie weint oder lacht. Das ist das Ende der Unterwürfigkeit, des Kotaus, des sturen Gleichschritts nach Befehl” (wohl aus: Vorabdruck “Lob des Nichtstuns oder die Kunst der Muße und der Faulheit”, Carl GmbH + Co., 1973 , S. 6). Sieht man davon ab, dass Karl Marx seinen kubanischen Schwiegersohn Lafargue, einen Mulatten, wohl gern mit rassistischen Parolen überschüttete, war seine politische Schulung an ihm wohl erfolglos. Marx hob nämlich vor allem den die Entfaltung von kreativen Potentialen hemmenden und Langeweile fördernden sturen Bienenfleiß auf seine Fahnen (vielleicht beeinflusst durch seinen lebenslangen Kampf gegen seine akne-inversa) und schrieb darüber kiloweise Bücher. Die Zeit der Muße dafür (wie auch seine Spekulationen an der Börse?) finanzierte ihm u.a. wohl sein Freund Friedrich Engels. Der absolvierte im übrigen - wie schon länger bekannt - seine kaufmännische Lehre in Bremen. Er wohnte in seiner auslaufenden pietistischen Phase bei dem damaligen Pastor in Alt-St.-Martini (Kirche der ehrbaren Kaufleute), der mit Engels’ Vater befreundet war. Marx lernte er später kennen. Wessen Glück war es? Sicherlich nicht das der Menschen, die bei der totalitären Umsetzung ihrer dogmatisierten Ideen später drauf gegangen sind. Hoffentlich distanzieren sich Autoren, die darüber schreiben, gebührend davon. Meist leider nicht.
Schriftsteller können sich zum einen die Muße leisten, Botschaften unter die Leser zu streuen, z.B. die Erkenntnis, dass die Zivilisation nur oberflächlich mit rationalem Fortschritt einhergeht. Sind wir also Steinzeitmenschen geblieben oder sogar zu 85 % Fleisch (fast food?) fressende Neanderthaler, die noch nicht einmal Homo Sapiens waren? Für manche Neurobiologen scheint das weit ältere limbische System, v.a. die Dominanzinstruktion, unser Leben zu bestimmen: v.a. von Männern mit ihrem erhöhten Testosteronspiegel in Krieg und Beruf. Aber Vorsicht mit den Biologismen! Dennoch: Erwarten wir nicht zu viel vom aufrechten Gang, der selten ein Indikator für den sozialen Fortschritt und sozialen Frieden aller und jedes einzelnen gewesen ist? Ist der mit wirtschaftlichen Fortschritt auf Teufel komm’ raus überhaupt vereinbar oder handelt es sich um einen grundlegenden Gegensatz? Sind nicht primär die Mächtigen für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich, so, wie sie auch aktuelle Maßnahmen zur echten Umsteuerung (siehe z.B. umweltschonende Autos, Kohlekraftwerke) wie schon früher blockieren und immer noch aus Eigeninteresse und Eigennutz auf Zeit spielen. Dabei müsste doch spätestens seit dem ersten Bericht des Club of Rome in den 70er jedem Idioten klar gewesen sein, wohin die Reise geht. Ingenieure müssen seit langem wissen, welcher ‘Dreck’ aus dem Auspuff eines Autos in die Umwelt geschleudert wird. Das Schönen von Klimaberichten hilft hoffentlich nicht mehr lange, wenn auch leider dem von ihren überversorgten Politikern schlecht vertretenen Volk bloße Informationen wenig nützen! Der “Untergang der Menschheit” (an den Polen zu besichtigen) findet nicht scheibchenweise statt, sondern von heut’ auf morgen. Keine Generation hat mehr Zeit, sich häuslich in der schon laufenden Katastrophe einzurichten. Also Schluss also mit dem salamitaktischen Nichtstun und Schönreden! Wir müssen alle etwas tun, ohne Technik wird es dabei nicht gehen. Machen diejenigen, die dann am meisten zu verlieren haben, anständig mit? Wann verabschiedet sich die privilegierte Machtelite von ihrer ‘(Un-) Kultur’? Und die dazu gehörenden Politiker? Wann wird die Landwirtschaft Teil des Klimaschutzes (vgl. neue Studie von Foodwatch)?
Am besten, ich setze mich auf den Deich und warte schreibend darauf, bis das Meer steigt. Denn erinnert Euch an die Zeit, als diejenigen, die rechtzeitig gewarnt haben, belächelt, verhöhnt und fertig gemacht wurden! Heute ist es keiner gewesen! Also sich auch ‘mal bei Greenpeace (www.greenpeace.de) oder Foodwatch (www.foodwatch.de) informieren!
Botschaften ähneln zum anderen aber, wenn sie nur als Vernunftinhalte verpackt sind, eher gezinkten Karten: Jeder (ob mit oder ohne Moral) glaubt, sich auf sprachlich-rationale Symbolik beziehen zu müssen. Sich wie in literarischen Quartetten Zeit für Monologe zu reservieren oder geistigen Peanuts mechanisch wie ein Spielautomat - mit Falschgeld gefüttert - herauszuwürgen bringt nicht weiter! Dabei können die Menschen die Realität nicht zurückgewinnen, wie in © Canettis Buch „Die Provinz des Menschen“ (1976, S. 95) angedacht. Die Langsamen werden die profitgeilen und eigennützigen Schnellen und Ideologen des technologisch Machbaren nicht schlagen können (dazu: © Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, 31. Auflage, München 1999 (1987). Wer auch immer die Zerstörung der Umwelt in einer sich verändernden Semantik der Worte zum Oszillieren bringt und damit das Unsagbare hörbar macht, hat schon verloren (© Christa Wolf, Störfall, 1987/ 1988). Schriftsteller können immerhin Preise gewinnen und so in den Intellektuellen-Himmel kommen, der auf seinen Friedhöfen höchstens entlang von Grabsteinen wohl gesetzte Worte über eine untergegangene bessere und humanere Welt beerdigt.
© Axel Munthe folgt daher der Erfahrung, nach der Mensch zwar gut ist, aber die Leute schlecht. © Ortega y Gasset geht dem “Sozialen” auf den Grund und erkennt, dass der Mensch ohne die Leute nichts ist. © Panitza schreibt in seinem “Liebeskonzil” über Defensivbündisse zwischen Himmel und Hölle gegen die Menschheit. Die muss wohl auch nicht immer gerettet werden, wenn das Ur-Böse dumm und grausam zugleich ist. © Tucholsky scheint zu wissen, dass das Gegenteil von gut nicht böse ist, sondern gut gemeint. Für © Ernst Bloch heißt es in seinen “Spuren” “Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst” (1960, S. 7). Immerhin ist das “Bin innen”, wenn man weiß, wo (abgesehen von seiner Tübinger Philosophie) das ist und herausfindet, warum bei den meisten das ‘Innen’ zum Ja-Sagen programmiert ist. Dabei heißt doch - ethisch reflektiert vom Ganzen her - Moral gerade, Nein-Sagen zu können zu mächtigen = rechthaberischen Geltungansprüchen: Von dem Zeitpunkt an, an dem sich zwei Menschen begegnen. Schriftsteller können von daher gesehen danach streben, das Unsichtbare und Unsagbare in der Welt der Globalisierung des Absurden durch das Schreiben über Absurdes sichtbar zu machen und durch absurde Stilmittel in eine Welt ohne Transzendenz zu transzendieren. Diese wird uns Lemmingen ja, die wir unausgeschlafen, wacker und zwanghaft für ein paar Kröten zur Arbeit hetzen, täglich um die Ohren geschlagen (spätestens in der Tagesschau). Zu deutsch: Globalisierung ist kein Sachzwang nach rein ökonomischer Äquivalenz, das wird uns von Politikern und Wirtschaftsvertretern in unverantwortlicher Weise glauben gemacht und wir schlucken das wie bittere Pillen. Erinnert sei an das soziale Reziprozitätsprinzip.
Schriftsteller sind wohl schon, wenn sie die Unüberbrückbarkeit zwischen Ich und Welt, ihre innere und äußere Unbewohnbarkeit, sowie das daraus entstehende Gefühl der Sinnlosigkeit als Problem beschreiben und Wege zu seiner Überwindung suchen. Darin besteht der Sinn des Absurden, der frei nach Sartre im “ich bin, was ich tue” endet. Daher auf zum Gegenteil von Sinn, das nicht Unsinn ist, sondern systematisch durch eigene Phantasie gefilterte und betriebene Sinnverweigerung, die ja manche Politiker schon beherrschen! Die “Lührische Gesellschaft zur Rettung bedrohten Schrifttums (LÜGE)” hat schon in den Spät-68er darüber sinniert und fand sich so besser in der Absurdität der Welt zurecht.
Also ruhig schon einmal günter-eichmäßig über Zusammenhänge reden, ohne zu wissen, ob sie existieren, und wie irgendwelche Wirtschaftsweisen (moderne Medizinmänner?) über Ursache-Wirkungsketten in die Zukunft (also ab morgen) hineinzuspekulieren, ohne etwas zu wissen außer über die Vergangenheit. Absurdes Theater Wissenschaft. Dabei haben diese Papiertiger nur Modelle im Gegensatz zu Theorien, die sich gar nicht empirisch prüfen können. Außerdem müssen sie auf Vergangenheitsdaten zugreifen. Zudem müssten ab einem Jahr Szenarien Prognosen (welche Worte!) ablösen. So groß ist der Respekt (gepaart mit eigener eigenen Inkompetenz) vor der neuen ‘Priesterklasse’, dass keiner, auch kein Journalist, auch nur eine Frage nach diesem Methoden-Disaster stellt. © Parkinson hat es uns in seinen Gesetzen vorgeführt, was wirklich dahinter steckt! Das ist auch Stoff für Schriftsteller, wenn sie in der Lage sind, eine vokallose Sprache für Kerbtiere wie Heuschrecken und Ameisen zu erfinden, und die Trägheit als Bewegungsprinzip ihrer Seele zu überwinden (dazu © Samuel Beckett, Words and Music, Grove Press Inc., 1963, www.samuel-beckett.net).
Hauptsache, Schriftstellern wird es nicht langweilig. Das kann man schon bei © Curt Goetz nachlesen (www.curtgoetz.de), der irgendwo nach der Mikrobe der menschlichen Dummheit suchen ließ und darüber schrieb, wie man sich - im wahrsten Sinn des Wortes - beim Autofahren tot lachen kann. Es gibt drei Alternativen, um der Langeweile zu entgehen: (1) Als Katastrophenprognostiker und Versicherungsdenker geht der Schriftsteller Risiken aus dem Weg und plant sein Leben bis zum Palisandersarg durch. Dann trifft ihn womöglich der Zufall um so härter; (2) er lebt einfach und gibt sich damit zufrieden, Recht behalten zu haben, wenn er schon in der für ihn vorbestimmten Kiste, die so viel Sand wie sein Gewicht fasst, liegt: Vorausgesetzt, er hat vorher nicht sein Gehirn weg gesoffen oder auf Kosten anderer (ob Lebender oder Toter) sein Leben künstlich in die Länge zu strecken versucht;(3) er lernt schreiben im handkeschen oder nicht-handkeschen Sinne, ringt also nach den richtigen Worten fern vom einfachen Sprechen oder schreibt unentwegt irgendetwas innerlich Bewegendes herunter (das auch passen kann, wie man an manchen Texten von Grönemeyer sieht).
Man kann natürlich auch darüber schreiben, wie aus der Systemlangweile einer dekadenten, (relativ) satten, nur noch spielenden und unterhaltungsbedürftigen Gesellschaft (Hauptsache, es bringt Geld!) vielfältige Formen von Gewalt entstehen. Das ist auch etwas für die quotenabhängigen Gefälligkeitsmedien, deren Sensationsgier befriedigt sein will. Schon vor 30 Jahren mutmaßte ein (wenn auch mit Speeds voll gedrönter) Kneipier mir gegenüber folgende potentielle Schlagzeile:” Irgendwann in der Zukunft werden wir so satt sein, dass Menschen von ihrem Fenster aus auf alles schießen werden, was sich auf der Straße bewegt.” Vielleicht werden ja viele arme Menschen aus den wirtschaftlich chancenlosen und umweltgeschädigten Entwicklungsländern massenhaft anstürmen, weil die Mächtigen der Welt außer für sich (darauf sind einige von ihnen sie geeicht) wieder nichts für alle - von denen der Großteil arm, krank und schwach ist - getan haben werden. Es lebe die Freiheit der Eigenverantwortlichkeit (z.B. in den ca. 5 Wasser-Monopolunternehmen)! Ja, für die, die sie sich schon oder noch leisten können.
Und wir Frösche? “Es sind die Durchschnittsmenschen, die Mittelmäßigen, die geborenen Untertanen, die sich als Art Versuchskaninchen für alle Leidenschaften, Launen, für alle Verruchtheiten und Verücktheiten der jeweils Herrschenden fortpflanzten” (© Walter Mehring, Müller. Chronik einer deutschen Sippe, 1980, S. 12). Dieses Beispiel stammt aus unserer glorreichen braunen Vergangenheit, in der wohl der Großteil des Volkes sich selbst als abwesend einstufte und daher meinte, keine Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Aber wir haben ja noch die glorreiche rote Vergangenheit als Segen für Vergleiche. Nur so viel: So genannte linke totalitäre Systeme sind genauso verbrecherisch, wie sich ihre Verantwortlichen danach ebenfalls massenweise verdrückt haben (auch nach oben). Dass alle Diktaturen (ob braun oder rot) ähnlich undemokratisch funktionieren, hat schon ein gut situierter bürgerlicher Literat im stillen Kämmerlein, unberührt von den Leiden des Haushalts und von Routine, sinnieren können. Und kein verbrecherisches Regime lässt sich mit dem anderen verrechnen oder entschuldigen.
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