Vernebelung 6

Spirituelle Weichspülung?

M.E. manifestieren sich im Schreiben immer Werturteile, denken Schriftsteller über Werte nach, haben sie Werte. Woran ansetzen? Werte finden sich auch in originären Religionen oder Ersatzreligionen. Religionen sind allerdings nicht leicht abgrenzbar von ihren esoterischen Ersatzprogrammen (inklusive Parteiprogrammen?), die um den Selbstverwirklichungseintopf kreisen wie um das goldene Kalb und es sich mit dem Glauben sehr einfach machen. Wie in der Ideologie kann es hier auch heißen: “Wir haben recht, weil ihr unrecht habt.” So irrational herunter gebrochen eignen sich beide  hervorragend zur Schaffung eines ‘systemerhaltenden kollektiven Zusammenhalts’ zum Vorteil der jeweiligen Mächtigen, zumal wenn es sich um Wertekonservative handelt. Man denke daran, wozu die Kreuzzüge eigentlich dienten oder der Irakkrieg. “Opium fürs Volk” wie eine Art Gehirnwäsche kann man das nicht nennen, aber es ist doch wichtiger Teil von Sozialisation und Erziehung, um das Normalvolk (die Frösche) emotional dazu zu bringen, sich mit den Machtverhältnissen abzufinden und sich sogar in ihnen häuslich einzurichten. Das geht zwar nicht mehr so wie früher, als die Frauen in der Familie fest gehalten, die Kirchen den Daumen auf die Kindergärten legten und vorschulische Einrichtungen zu verhindern suchten. Geblieben sind aber noch die durch Kirchenrecht benachteiligten Arbeitnehmer und die christlichen arbeitgeberorientierten Gewerkschaften. Klar, in der Bibel geht es ja auch nicht um demokratische Rechte, wie ein Altkanzler mal meinte. 

Jedenfalls erfüllt konservatives Gedankengut - auch in Form religiöser Werte - trotz Säkularismus immer noch seine alte Funktion zur Beschönigung und Erhaltung bestehender Machtverhältnisse. In direkter Form - von der Öffentlichkeit unbemerkt - wird der christliche Glaube machmal fundamentalistisch zugeschnitten auf eine Führungsszene (und auch in Politik, Wissenschaft und Sport gepflegt). Ich habe nicht gemerkt, dass dadurch die Wirtschaft sich verändert hätte. GG-Text und - Wirklichkeit klaffen jedenfalls noch ganz schön auseinander, z.T. auch deswegen.

Ich bin natürlich kein Religionswissenschaftler, sondern nur ein Schriftsteller, der     nachdenkt und seine subjektive Ansicht über Religionen vertritt. Andere haben andere Ansichten. Rühmlich ist, wenn © Imre Török, Vorsitzender des VS Verbands Deutscher Schriftsteller von Verdi, www.verdi.vs.de (Kunst und Kultur Nr.1, Februar/ März 2008, S. 14) die Vereinbarkeit von christlichem Glauben (und anderem ?!) und wissenschaftlicher Erkenntnis der Aufklärung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit proklamiert. Er bemüht auch die Nächstenliebe als gemeinsame Schnittmenge (wenn es die gibt) einiger Religionen. Für mich als gewerkschaftlich Organisiertem (früher IGM, jetzt VS/Verdi) ist das doch ein qualitativer Sprung weg vom lange Zeit vorherrschenden ‘gläubigen’, manchmal militant wirkenden Atheismus. Damals wie heute wird aber Glaube leider immer noch mit Kirche (Pharisäer und Gesetzeslehrer) gleich gesetzt oder fälschlicherweise nur einer Partei zugeordnet, nämlich der mit dem hohen C zu, die diesen Buchstaben vor sich her trägt wie eine Fahne, die nur im Wind flattert. 

Viele Religionen, vor allem, wenn sie institutionalisiert, dem persönlichen Zugriff und Mitwirkung entzogen sind, können zu einer Art Gebrauchs-Ideologie im Alltag. Einige ihrer Repräsentanten verhalten sich mehr oder weniger tolerant gegenüber Andersgläubigen, einige verhalten sich völlig intolerant. Der dogmatische Absolutheitsanspruch von Religionen steht Toleranz als Erlaubnis- und Respektkonzeption meist im Wege. Ist das nicht ein zu hohes Ziel oder erst der zweite Schritt? Müssen wir über die jeweilige andere Religion wirklich so viel wissen, um sie verstehen zu können. Leon de Winter sagte wohl einmal bei einer Preisverleihung sinngemäß, es würde ausreichen, wenn die unterschiedlichen Religionsanhänger sich gegenseitig gleichgültig wären. Toleranz ist dann schon die nächst höhere Stufe. Das Publikum schaute ihn wohl ungläubig an. Ich verstand ihn, denn ich möchte auch nicht den Koran lesen und verstehen müssen. Oder muss ich das? Dennoch habe ich nichts gegen ihn. Dadurch, dass irrationaler Glauben an den eigennützigen Egoisten zur Ethik erklärt und ihm damit ein wissenschaftlicher Touch verpasst wird (z.B. in der Unternehmensethik oder der BWL als impliziter Ethik der Moral - oder Unmoral? - in der Wirtschaft), tragen sie nur zur weiteren Pseudo-Rationalisierung der Entfremdung, des selbst verschuldeten und kaum zu kultivierenden Fremdwerdens in heutiger Zeit bei.

Je schwammiger und unbefriedigender Erklärungsversuche sind und je unsicherer        Lebenssituationen werden, um so mehr suchen Menschen nun einmal ihr Seelenheil in Spiritualität und finden auch individuelle, anderen mitteilenswert erscheinende  Antworten. Die will ihnen keiner nehmen, wir haben Religionsfreiheit. “Glaubenswahrheiten” lassen sich nicht wissenschaftlich belegen. Wer hat jemals Gott (ethisch übersetzbar als Repräsentant des sozialen Ganzen in seiner umgebenden Natur) bewiesen oder widerlegt? Dennoch müssen auch die Nicht-Glaubenden die nicht erklärbare Glaubensgewissheit anderer tolerieren und akzeptieren. Die muss aber keiner einem abnehmen müssen! Hauptsache, es hilft den Glaubenden und sie versuchen nicht, fundamentalistisch ihre subjektive Wahrheit bis hin zu kollektiven Ritualen und aufgesetztem Frömmeln absolut zu setzen und anderen (mit oder ohne Gewalt) aufzuzwingen.  

Dagegen und anderes bin ich rein subjektiv, das stößt mir auf:  

  • Das Alleinvertretungsmonopol der katholischen Kirche und der gottähnliche Personenkult verstoßen m. E. sogar gegen das 1. Gebot. Habt Ihr es noch nicht gemerkt? Der Papst ist ein Mensch und nicht der Herrgott. Welch’ Hybris kommt aber in einer religiösen Dogmatik mit intolerantem Absolutheitsanspruch zum Ausdruck! Die Liebesbotschaft (sich gegenseitig so annehmen können, wie man ist: agapä) der Bibel - z.B. in der Bergpredigt - scheint wohl aufgegangen zu sein in      Nebenkriegsschauplätzen. Diese dokumentieren wohl auch Weltfremdheit gegenüber Lebensbereichen, in der diese Kirche nicht zu Hause ist (oder nur klammheimlich darf?). Sie kritisiert wohl offen oder brandmarkt versteckt (a) den vorehelichen Geschlechtsverkehr (Paulus nennt es Unzucht!), (b) die Verhütung mit Hilfe von Pille und Präservativ, (c) die Gleichberechtigung von Mann und Frau, (d) die Kritik an der Obrigkeit (was den Konservativen immer in den Kram passt) sowie (e) der Ehe für Priester und (f) Kondom-Verbot für den Geschlechtsverkehr (auch von Aidsinfizierten). Die Bigotterie kommt wohl auch darin zum Ausdruck, dass die unehelichen Kindern von Priestern zwar bis zu dreien von der Kirche unterhalten werden, aber sie nicht zum Wohl des Kindes heiraten dürfen. Was soll das Zölibat heute noch! Aber schaut Euch die greisen Kirchenfürsten an! Dass sich unterdrückte Sexualität ihr Ventil sucht, zeigt immer wieder das Innenleben dieser Kirche auf. In diesem Dogma ist in der Tat kein Platz für undogmatische Liebe oder eine “Theologie der Revolution” (gewaltlos nach der Bergpredigt!).Oder,was hat es mit Liebe zu tun, wenn ein Bischof eine Neunjährige, die wie ihre behinderte Schwester vom Stiefvater missbraucht wurde und ihre Zwillinge aus medizinischen Gründen hat abtreiben lassen, exkommuniziert. Den Stiefvater hat dieser ‘Kirchenfürst’ kaum erwähnt, geschweige denn, dass er dessen Verhalten brandmarkt. Hier sind wohl die Koordinaten der Menschlichkeit völlig verrückt.
  • Die materialistisch-evangelikale, von Geschäftsleuten und Managern getragene Variante christlicher Werte (siehe “Chapter” weltweit und Zeitschrift “Voice” sowie ihre Ableger), also eigentlich unchristliche Variante (siehe z.B. den Jakobus-Brief im NT), hat einst Max Weber in “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ beschrieben: v.a. anhand der irdischen Effizienz des Calvinismus. Neuerdings pflegen auch Katholiken (und die ‘Vatikan-Bank’ mag es freuen) diese Variante in den USA. Wo sonst gehen moderne Kreuzritter mit der Wirtschaft eine derartige übermächtige heilige Allianz ein. Ein Potential von 280 Mio Menschen kann auf jesus 2.0, gospel for prosperity oder shoping for God setzen und abheben, wohin auch immer. Sind die Spekulanten an der Börse auch vorher zum Gebet niedergekniet wie vor einem Krieg? Das wäre mehr als das Vorzeigen von Klunkern bei den Pfingstlern und die Belohnung mit Reichtum infolge des rechten Glaubens bei den Calvinisten. Existiert ein fließender Übergang zur Sekte/ Nicht-Kirche der Scientologen, die neuerdings wohl durch eine Bambi-Verleihung heilig gesprochen wurde? Die Händler endlich aus dem Tempel ‘raus werfen?! Wer hätte Jesus, der materiellen Reichtum und das Verhalten der Reichen gebrandmarkt hat, heute ans materielle Spekulationskreuz ‘genagelt’?! Die Partei mit dem hohen C und die Partei mit ihrem eigenständigen Freiheitsbegriff hätten ihn dann vielleicht irrtümlich zum Mitglied der Linken gestempelt: zum Kommunisten und Sozialisten.
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Auch in anderen Religionen geht es unterschiedlich lustig zu oder genauso wenig hu- morvoll. Dabei werde ich mich hier nur auf ein paar Randbemerkungen beschränken:

  • Der Hinduismus gilt auch als Religion, es geht bei ihm aber ganz schön irdisch zu, insofern sein Prinzip Dharma die unsoziale Kastenordnung festschreibt. Was nutzt dann die Wiedergeburt als Vergeltungskausalität. Dann kann es für manche Fanatiker schon zum Problem werden, wenn Angehörige der unteren Kasten zum Christentum konvertieren. Wurde von Witwen früher erwartet, dass sie sich verbrennen lassen? Wenn, dann ist das wohl heute passé.- George Harrison hat wohl eine weichere Variante des Hinduismus gepflegt. Er sang mehr von “My Sweet Lord.”- Frei nach Pisa hat sich wohl bei uns jetzt auch schon eine Art Bildungskastenordnung entwickelt.
  • Der Buddhismus ist wohl eine Religion ohne direkt personifizierbaren Gott (auch der Dalai Lhama ist keiner). Im Gegensatz zum arbeitenden Gott des Christentums sitzt der dicke Buddha nur bettelnd und lächelnd da und versucht, das Heil im Nirwana als Ende des Leidens mit einem Fahrzeug zu erreichen. Die vier edlen Wahrheiten und der mittlere Weg dienen dem, folgt man Buddhas Benares-Predigt. Auf der Liste der 10 verbotenen Handlungsweisen steht das Tötungsverbot an oberster Stelle (siehe die Edikte des Kaisers Asoka). Die Verbindung zur westlichen Aufklärung stellt sich hier m.E. nicht her, wenn auch der nicht-egomane Vernunftgedanke hier weit vor Kants Egotrip im weißen Elfenbeinturm auftaucht. - Einige Schauspieler haben sich dieser Religion verschrieben. Wollen sie noch mal wieder geboren werden?
  • Die jüdische Religion richtet sich im Kern an der hebräischen Bibel aus (5 Bücher Moses), der schriftlich überlieferten Tora oder mündlich überlieferten Lehren wie die von Talmud und Mischna. Ähnlich dem alten Testament stellt die jüdische Religion das Leben nach dem Gesetz in den Mittelpunkt. Der vergebende Messias des Neuen Testaments ist für das Judentum noch nicht auf der Erde eingetroffen bzw. auf dem Esel eingeritten durchs Osttor. Fehlen daher noch Hoffnung und Liebe des neuen Testaments? Sie haben wohl in dieser Glaubensrichtung eine andere angemessene Form gefunden. Auffällig ist, wie viele herausragende Denker, Künstler und Wissenschaftlicher das jüdische Volk hervorgebracht hat (z.B. Einstein, Freud, Marx, Mendelssohn, Heine, Benjamin u.v.m.). Joseph Gabel meint ja, dass die neurotischen Nazis auf die intellektuelle Brillianz und Kreativität jener neidisch waren. Die Pflege der philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnis ist jedenfalls Alltag jüdischer Religion. Wir alle können uns davon eine Scheibe abschneiden, wenn außerhalb der Bundesliga und der Blöd-Zeitung Zeit dafür bleibt.
  • Es bestehen Parallelen des Koran zu den alttestamentarischen Geboten. Zwar fehlen m.E. die Glaubenswerte des NT wohl auch im Koran, aber Jesus taucht dort immerhin als einfacher Prophet nach Mohammed auf, wenn auch nicht als Gottes Sohn. Der Koran ist zusammen mit der Sunna und Scharia Gesetz. Der Islam predigt nicht Intoleranz und Gewalt gegenüber Andersgläubigen, wenn er diese auch manchmal Ungläubige nennt. Das kann man schon bei Karl May nachlesen. Zur Zeit Mohammeds lebten alle damaligen Religionen friedlich in Jerusalem zusammen. Die Kreuzüge haben daran wohl Einiges geändert. Wohl seitdem forcieren Islamisten (nicht = Islam) gerade in Verbindung mit der Scharia, die göttliches Recht über weltliches stellt, Fehlinterpretationen des Koran und bewirkt bei gewaltbereiten Fanatikern vor allem blinden Hass (siehe manche Koranlehrer hier?). Diese sehen immer nur das Unrecht, das andere ihnen gegenüber begehen, aber nicht das, welches sie selbst anderen gegenüber tun. Wo sind hier Vergebung, Liebe (Annehmen), Toleranz? M.E. bereitet der (eigentlich anti-materialistische) Islam ähnlich wie die rein konservative bis fundamentalistische Auslegung des christlichen Wortes den Boden für eine patriarchalisch-autoritäre Gesellschaft: Je weniger von den Erkenntnissen der Aufklärung geprägt, um so mehr. Dabei geraten leider die wissenschaftlichen Traditionen des Islam aus dem Blick, die auch die westliche Kultur beeinflusst haben. 
  • Der Konfuzianismus (vgl. z.B. das Li Gi) ist weniger eine Religion als eine   Alltagsphilosophie. Er bildet eine moralische Grundlage für das gesellschaftliche Leben (Familie und Staat). Schon vor der christlichen Religion und der Vernunftethik Kants und vor der Bibel heißt seine goldene Regel: “Was du nicht willst, das man dir tue, das füge auch keinem anderen zu” (Kungfu-tse, Gespräche. Lun YÜ, hrsg. v. R. Wilhelm, DG 22: China, XV. 23). Die chinesische Kultur, einschließlich ihrer ‘Religion’ war immer schon mehr dem Diesseits verpflichtet. Es entstand auch kein Gegensatz zur wissenschaftlichen Erkenntnis wie in der christlichen Religion des Mittelalters. Hauptsache Kultur nützt im Alltag!
  • Der Taoismus ist ebenfalls eine Philosophie (dazu © Er Li, Lao-tze: Tao-tê-king: Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend. Reclam, Stuttgart 1994, übersetzt von Günther Debon). Dao (der Weg) ist ein Welt-Prinzip, das man durch rationale Überlegung und Tätigkeit nicht umsetzen kann. Das würde nur stören. Das Prinzip ist nur mystisch-intuitiv zugänglich. Mit Hilfe von "Handeln durch Nicht-Handeln" (wei wu wei), also nur Dao-gemäße Tätigkeit lässt es sich (vielleicht) verwirklichen. Das ist ja schon einmal etwas Sympathisches in der Richtung, wie man von der Sinnverweigerung zum Sinn kommt. Auch der Taoismus zeigt, wie erdverbunden und praktisch ‘Religionen’ sein können. Er ist ein Erkenntnisgebäude, das sich m.E. mit der der bürgerlichen Aufklärung und der Rationalität nicht vergleichen lässt.

Von daher aus © Michael Hesseler (Der hustende Fisch. Frei erfundene Reformvorschläge aus dem alten China, Monsenstein und Vannerdat, Münster 2007, S. 179 ff.) die folgende surreal-hintersinnige Parabel zum Abschluss:

“103. Geschichte: Von den elf Verboten

„Hier, nimm sie und lies sie Deinen Leuten vor“, hat der brennende Gott im Westen seinem bärtigen Obersprecher befohlen. Das ältliche Kind des Westens hat mit seinem Gott über die einzelnen Gebote auf den Tafeln gar nicht erst verhandeln können. Einige Menschen in der Mitte haben sich dagegen selbst ein paar einfache Verbote gemeinsam ausdenken dürfen. Die oben, die meist mehr davon haben als nur Brotsamen, haben dabei üblicherweise nur mit lauteren Mitteln nachgeholfen. Über die Einhaltung der Verbote befragen alle Schichten mit unterschiedlichem Interesse regelmäßig ihre Ahnen oder irgendwelche zuständigen Wesen irgendwo außerhalb, wobei die Räucherstäbchen qualmen und die Orakelknochen fliegen. Hier die aufgepinselten und nicht in Tafeln gehauenen Verbote für das Land der Mitte:

  • Vom 1. Verbot: Immer schon haben die Menschen mittendrin nur ihre Götter und keine anderen daneben gehabt. Ihnen bleiben sie treu, so lange jene sie nicht übermäßig stören. Es hält sich aber auch hier hartnäckig das Gerücht, später bestärkt durch die Missionare der Langnasen, dass es einmal nur ein Gott gewesen sein soll.
  • Vom 2. Verbot: Nach ihren alltäglichen Gedanken fertigen sie nur von den Göttern Bilder an, die die Harmonie mit Himmel, Erde und Geist wiedergeben. Manche vermuten sie in einem Wagen am nördlichen Sternenhimmel. Manchmal ist nicht klar, ob es ein Geist oder Geister sind und wo diese stecken können. Es kann ziemlich gruselig werden, wenn poröse Vampirgestalten auf dem nahen Friedhof aus den Gräbern steigen und vorbeischauen. Deswegen fallen die meisten Menschen einfach vor Angst in den Kotau um. Nur wenige kämpfen gegen diese Untoten. Doch stehen die Vampire immer wieder auf, auch wenn sie auseinander brechen. Einbildung? Keine Einbildung? Die Menschen mittendrin würden sagen: „Wir wissen es nicht, also glauben wir es nicht.“ Oder sie würden sagen: „Macht nichts.“ Sie denken nicht an Strafe und Belohnung.
  • Vom 3. Verbot: Wenn diese Menschen mittendrin ihre Götter für die Politik oder das Geschäft nutzen, dann ist das nicht so ernst gemeint.  Für sie ist es nur ein etwas ernsteres Spiel mit humorvoll-übertriebenen Zügen. Hauptsache, sie können ihr Gesicht wahren und die Ehrfurcht vor den höheren Mächten bleibt erhalten. Wichtiges Hilfsmittel dazu ist das Gespräch. Dort redet keiner gern gegen den Wind oder lässt sich übergehen. Keiner will träge Rinder haben, denen man ein Seiteninstrument vorspielt.
  • Vom 4. Verbot: Zeit für Ruhe haben die Störche dieses Landes ohnehin, weil die Frösche schon während ihrer alltäglichen Arbeit oder in ihren Familien in sich gehen. Das ist möglich, obwohl sie schon zur Erhaltung der Harmonie leben müssen, um als Sklaven arbeiten zu dürfen. Sie haben daher keine andere Wahl als diesen Spaß. Ihr irdischer Weg der Besinnung kostet aber nicht so viel an Zeit, als dass sich am Wochenende daraus ein Tag am Stück für eine längere Pause ergeben würde. Natürlich wäre es schön gewesen, die schlechte Arbeitskleidung, die man die ganze Woche getragen hat, abzustreifen und sich an diesem Tag einmal richtig herauszuputzen. Für gute Kleidung hätten sie allerdings kein Geld gehabt, und wenn, hätten sie das beantragen müssen. Von den Missionaren haben sie allerdings von völlig verspannten Barbaren im Westen gehört, die jeden Tag in der Woche – also auch am Wochenenden und Feiertagen - so fein gekleidet sind und u.Ust. sogar so ins Bett gehen. Dann sind sie für die eigene Beerdigung immer gut vorbereitet. Für die anderen Menschen mittendrin ist nur eines klar: die Götter sind immer bei ihnen. Dafür sorgen schon die Ahnen. Und die kennen auch keine Woche und damit auch kein Wochenende.
  • Vom 5. Verbot: Eigentlich tun die Menschen in diesem Land nur das, was die älteren Männer im Clan wollen. Da gibt es kein Aufmucken. Söhne haben ihren Vätern und ältesten Brüdern zu folgen. Was hat das mit Liebe zu tun oder auch Ehre? Der Sohn tut, was der Vater und sein ältester Bruder wollen, und der Vater, was dessen Vater und sein ältester Bruder wollen. Und warum diese Übung? Um genau dem folgen zu können, von dem die Mächtigen im Staat von allen erwarten, dass es getan wird. Frauen - mehr Ehe- als Nebenfrauen - fallen völlig aus dieser Ordnung heraus, die so nur funktioniert. Frauen haben im Gegensatz zu den primitiven Anfängen der Menschheit nichts mehr zu sagen, weil sie körperlich schwächer sind. Sie dürfen sich hinten anstellen und tot arbeiten für die Sippe. In der Pause dürfen sie für das Gebären und die Aufzucht sorgen.
  • Vom 6. Verbot: Schlimm genug, dass Menschen auf Befehl der Störche in Kriegen ihnen unbekannte andere Frösche töten dürfen und dabei straffrei ausgehen, d.h. lediglich für die Sache der Störche ehrenvoll sterben dürfen. Dass dafür immer eine Begründung an den Haaren herbeigezogen wird und es dann „wir“ heißt, ist ja bekannt. Wenn jemand dagegen außerhalb eines Krieges einen hohen Amtstafelträger töten würde, der die Frösche Tag für Tag beraubt, würde er sofort geköpft. So einfach ist alles festgelegt, dass nur jemandem aus den einfachen Volksschichten unten zum eigenen Schutz das Töten verboten ist. Würde sich diese Untat nämlich wiederholen, würde ja die hierarchische Ordnung der Störche empfindlich gestört. Für die feineren Leute oben gelten folglich schwergewichtige Ausnahmen, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Wo und wann ist das schon mal anders gewesen!
  • Vom 7. Verbot: Die Verheiratung läuft hier ziemlich einfach nach Heiratsbüchern ab. Da wird kein streitsüchtiges Tamtam gemacht. Um sich im richtigen Rahmen fortzupflanzen, worum es ja geht, haben die Ahnen ein paar Rituale ersonnen. Die haben sich bewährt, so wird es also gemacht. Jedenfalls wäre Liebe dabei nur hinderlich. Um das zu verhindern, wählen die Alten die Ehepartner, die eigentlich keine sind, einfach füreinander aus und führen sie einander zu. Dafür muss natürlich die Familie der Ehefrau zahlen. Gewalt ist dabei nur das letzte Mittel. Man muss heiraten, ohne Wenn und Aber. Hauptsache, es nutzt den Familienclans und damit natürlich der Ahnenkette. Neben-Frauen stören da wenig. Man redet einfach nicht über sie. Dafür ist es rechtens, dass der vermeintlich Gehörnte seine Ehefrau und ihren Geliebten zur „Wasserprobe“ schickt. Ein anderer Ablauf wäre blanke Theorie. Dass zwei Partner freiwillig aus Liebe heiraten, um später festzustellen, dass sie sich geirrt haben, würde hier auf völliges Unverständnis stoßen.
  • Vom 8. Verbot: Das Volk hat keine Freiheit und daher kein Eigentum. Dennoch kommt es nicht auf die Idee, dieses Gut den freien Eigentümern wegzunehmen oder auch nur von ihnen zurückzufordern, wenn jene es ihnen gestohlen hätten. Hier ist es kein Problem, dass das Volk bis zum Umfallen die Freiheit und den Reichtum der Oberschicht pflegt, hegt und mehrt. Auch wenn diesen Menschen mittendrin mehrheitlich klar sein müsste, dass dieses Prinzip Blödsinn ist und sie sich mit dieser Haltung Rechte vergeben, halten sie doch aus Angst und Zeitmangel daran fest. Sie müssen Steuern zahlen für die, denen das Gesetz gehört, und können daher keinen Widerstand leisten. Sie haben keine Armeen und Polizei, um ihre Rechte einzufordern. Dies hat es immer schon gegeben. Wozu wollen denn die Missionare die Menschen noch zur vorbehaltslosen Anerkennung der Obrigkeit bekehren, wenn sie sich ohnehin schon mit Herrschaft abfinden?
  • Vom 9. Verbot: Dass Menschen hin und wieder lügen müssen, ist bekannt. Wenn es dem eigenen Vorteil dient, macht man auch einmal den anderen schlecht. Da die Menschen hier alles gern übertreiben, fällt das nicht mehr so auf. Auch schreiben sie ihre Geschichte um, damit alles besser zueinander passt. Und wenn Mit-Menschen vorkommen, dann bitte schön getrennt nach denen oben und denen unten. Das reicht aus. Das ist einfach, weil ja der Himmelsohn auch ein Gott im Wagen sein soll, umgeben von Drachen und Vögeln.
  • Vom 10. Gebot: Dass einige allen anderen alles wegnehmen dürfen, passt gut zu den anderen Verboten. Diese kleine Gruppe gibt es seit Menschen Gedenken. Sie muss sich daher nicht darum kümmern, wem was gehört. Dem einzelnen unten hat ohnehin nichts zu gehören. Wenn schon, dann nur dem einzelnen Kaiser, dem Sohn des Himmels. Ob er verkommen ist, stört daher wenig. Er nimmt, wie er Lust hat. Das Geben fällt ihm naturgemäß schwer. Er gibt höchstens aus einer Laune heraus, wo es ihn nicht schmerzt. Offensichtlich verwechseln die Menschen unten den Kaiser mit ihrem heiß ersehnten Himmelssohn, was wohl außer ein paar wenigen Aufständischen mit roten Augenbrauen nicht bewusst ist. Die Missionare, die hier im Land ziemlich spät auftauchen werden, kommen damit überhaupt nicht klar. Das Glaubensgebilde hier ähnelt nämlich sehr wenig dem, nach dem alle das glauben sollen, was ein von Greisen ernannter weltabgewandter Vertreter Gottes auf Erden vom Fußvolk will. Und das, obwohl er außer seinen Brüdern und Schwestern noch nicht einmal das richtige Leben kennen gelernt und vor allem Fleisch gekostet hat. Viele Jahrhunderte später wird diese Nicht-Erfahrung dazu führen, dass Menschen, die der Geschlechtsverkehr unheilbar krank werden lässt, sich nicht dagegen schützen dürfen, obwohl bekannt ist, mit welchen Vorrichtungen das geht. Aber dafür wird der selbsternannte Vertreter Gottes mit wirklichkeitsfremden Lösungen aufwarten können. Entweder sollen die Menschen den Geschlechtsverkehr ganz lassen oder in einem Gefängnis zu reinen Zweck der Kinderzeugung ausüben. Sie werden dies heilige Ehe nennen, obwohl damit seelische Erkrankungen einhergehen können.
  • Vom 11. Verbot: Dieser Li-kang ähnelt nur oberflächlich den 10 Geboten, von denen die Menschen mittendrin erst viel später etwas Ungenaues von den Missionaren ungefragt hören werden. Die Sitten und Gebräuchen der Barbaren im Westen werden irgendwann in der Geschichte um den einzelnen kreisen. Noch viel später sollen viele einzelne das Volk ergeben, dem die herrschenden Störche eingeredet haben, dass es angeblich herrscht. Im Land der Mitte wird sich wenig daran ändern, dass das Interesse eines einzelnen Kaisers oben - unabhängig von seinem Wert - vor dem Interesse des Volkes als ganzem unten Geltung hat, in dem den einzelnen Menschen wenig Wert beigemessen wird. Mit dieser Festlegung wird alles gerechtfertigt, auch die drakonischen Strafen, die es hagelt, wenn einer gegen ein Verbot des Kaisers verstößt. Die Missionare würden später allerdings keinen Unterschied zwischen hüben und drüben erkennen, wenn sie die Gehorsamspflicht der gläubigen Frösche unten gegenüber den Störchen unten betrachten. Überall soll die Obrigkeit ohne Wenn und Aber anerkannt, angebetet oder angehimmelt werden. Und dafür sorgt sie schon selbst!

So sichern die 11 Verbote, dass genügend Leute im Feuerbrunnen gefunden werden, damit ja keine Pfähle von drei Klaftern umgesetzt werden können. Und so kommt den meisten in der Mitte der eigene Weg aus dem Mund, taub und stumm wie Schwiegereltern. Bei den Barbaren im Westen werden in grauer Zukunft irgendwelche ‘toten Hosen’ den Einband des Buches der Bücher für die Verpackung ihrer Lieder verwenden.”